Onur Güntürkün ist fasziniert von Fragen rund um den Aufbau des Gehirns.

© RUB, Marquard

Auszeichnung

Onur Güntürkün erhält die Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille

Die Deutsche Zoologische Gesellschaft zeichnet den Biopsychologen der Ruhr-Universität Bochum für seine hervorragenden und originellen Leistungen aus.

Der Bochumer Biopsychologe und Neurowissenschaftler Prof. Dr. Dr. h. c. Onur Güntürkün wird mit dem Wissenschaftspreis der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) ausgezeichnet. Die DZG würdigt damit seine herausragenden Beiträge zum Verständnis der Evolution von Gehirn und Kognition. Die Preisverleihung findet am 10. September 2026 im Rahmen der 118. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Münster statt.

Vorstellungen zu Gehirnaufbau und Intelligenz

Wie entsteht komplexes Denken? Welche Eigenschaften muss ein Gehirn besitzen, damit Menschen und andere Tiere planen, Regeln lernen, Entscheidungen treffen und flexibel auf neue Situationen reagieren können? Und muss ein Gehirn dafür tatsächlich so aufgebaut sein wie das eines Menschen oder eines anderen Säugetiers? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Onur Güntürkün seit Jahrzehnten. Seine Forschung hat wesentlich dazu beigetragen, etablierte Vorstellungen über den Zusammenhang zwischen Gehirnaufbau und Intelligenz zu verändern.

Eine der zentralen Fragen seiner Forschung betrifft den Vergleich von Vogel- und Säugetiergehirnen. Menschenaffen wie Schimpansen verfügen über große Gehirne mit einem ausgeprägten Neokortex. Dieser Teil des Säugetiergehirns galt lange als wesentliche Voraussetzung für komplexe kognitive Fähigkeiten. Die Gehirne von Rabenvögeln und Papageien dagegen sind viel kleiner und besitzen keinen Neokortex nach dem Bauplan der Säugetiere.

Trotzdem zeigen gerade diese Vögel erstaunlich komplexe kognitive Leistungen. Sie können Regeln lernen, Informationen flexibel einsetzen, Probleme lösen und Verhaltensweisen zeigen, die lange Zeit vor allem Primaten zugeschrieben wurden. Für die vergleichende Hirnforschung ergibt sich daraus ein grundlegendes Problem: Wie können Gehirne, die sich in Größe, Aufbau und Evolutionsgeschichte so stark unterscheiden, zu vergleichbaren kognitiven Leistungen gelangen?

Güntürküns Forschung zeigt, dass unterschiedliche anatomische Strukturen vergleichbare Funktionen übernehmen können. Gleichzeitig lassen sich in Vogel- und Säugetiergehirnen fundamentale Gemeinsamkeiten der neuronalen Organisation erkennen. Die Evolution komplexer Kognition scheint daher nicht an einen einzigen anatomischen Bauplan gebunden zu sein und die Fähigkeit zur Intelligenz ist mindestens zweimal unabhängig voneinander in der Evolution entstanden.

Damit berührt seine Arbeit eine der großen Fragen der Evolutionsbiologie: Welche Eigenschaften eines Nervensystems sind tatsächlich notwendig, damit komplexes Denken entstehen kann?

Zur Person

Onur Güntürkün wurde 1958 in Izmir in der Türkei geboren und verbrachte Teile seiner Kindheit und Jugend in Deutschland und der Türkei. Sein Interesse an Tieren und ihrem Verhalten entwickelte sich früh. Bereits als Kind experimentierte er mit Rüsselkäfern, für die er kleine Labyrinthe baute. Später untersuchte er Lernprozesse bei Aquarienfischen. Aus dieser frühen Neugier entwickelte sich eine wissenschaftliche Frage, die seine Forschung bis heute prägt: Wie entstehen Wahrnehmung, Lernen und komplexes Verhalten aus der Aktivität eines Gehirns?

1975 begann Güntürkün an der Ruhr-Universität Bochum Psychologie zu studieren. 1984 promovierte er mit einer Arbeit zur funktionellen Organisation des visuellen Systems von Tauben. Es folgten Forschungsaufenthalte unter anderem in Paris und an der University of California in San Diego. An der Universität Konstanz habilitierte er sich für Psychologie. 1993 kehrte er an die Ruhr-Universität Bochum zurück; seit 1997 ist er hier Professor für Biopsychologie.

Güntürkün wurde für seine Forschung vielfach ausgezeichnet. Seit 2006 ist er Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. 2013 erhielt er den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die wichtigste deutsche Forschungsförderauszeichnung.

2014 folgte der Communicator-Preis von DFG und Stifterverband für seine herausragende Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte an die Öffentlichkeit. Darüber hinaus erhielt Güntürkün unter anderem zwei Ehrendoktorwürden, den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen und einen ERC Advanced Grant.
2025 wurde er beim Wettbewerb „Professor des Jahres“ mit einem ersten Preis in der Kategorie Naturwissenschaften und Medizin für sein besonderes Engagement in Lehre und Mentoring ausgezeichnet.

Der Preis

Der Wissenschaftspreis der Deutschen Zoologischen Gesellschaft – Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille – erinnert an den Zoologen und Nobelpreisträger Karl von Frisch. Die DZG vergibt die Auszeichnung im zweijährigen Turnus für hervorragende und originelle wissenschaftliche Leistungen, insbesondere für Forschung, die Erkenntnisse verschiedener biologischer Disziplinen miteinander verbindet.

Die Auszeichnung ist mit 5.000 Euro dotiert.

Veröffentlicht

Montag
07. September 2026
08:20 Uhr

Von

Deutsche Zoologische Gesellschaft
Meike Drießen

Teilen