Katrin Marcus-Alic geht ihren eigenen Weg im Wissenschaftssystem und ermuntert Studierende und Kolleginnen und Kollegen dazu, dies ebenfalls zu tun.
Porträt
„Ich hatte das Gefühl, ich bin ein Alien im Wissenschaftssystem“
Sie fühlte sich manchmal nicht ganz dazugehörig – bis sie ihren eigenen Weg fand. Katrin Marcus-Alic zeigt, wie man Wissenschaft und Menschlichkeit verbindet und seinen eigenen Weg geht.
Katrin Marcus-Alic ist anders. Nicht nur anders, als man sich eine Hochschulprofessorin für Biochemie vielleicht vorstellt. Sie führt anders, denkt anders über Hierarchien und verbindet wissenschaftlichen Erfolg mit einer sehr eigenen Vorstellung davon, wie Menschen arbeiten und sich entwickeln können.
Dass Katrin Marcus-Alic ein fröhlicher und unkonventioneller Mensch ist, sieht man ihr durchaus an: farbenfrohe Kleidung, ein strahlendes Lächeln, und die kurzen roten Haare gehören zu ihr. Entscheidender ist aber, wie sie arbeitet. Mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, egal ob Studierende oder Doktoranden, sieht sie sich auf Augenhöhe. Hierarchien spielen für sie im Alltag eine deutlich kleinere Rolle als Verantwortung, Vertrauen und die Frage, was Menschen brauchen, um ihren eigenen Weg zu gehen.
Mein späteres Studium fiel mir nicht immer leicht.
Dazu kommt ein Lebenslauf, der nicht nur äußerst interessant ist, sondern vielen jungen Menschen Mut machen dürfte. Ihr Abi mit der Note 2,7 ließ nicht unbedingt erahnen, dass sie viele Jahre später das Medizinische Proteom-Center an der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum leiten und Studierende in Biochemie unterrichten würde. „Ich selbst wollte erst gar nicht studieren und habe eine Ausbildung im Labor gemacht. Eine Zeitlang wollte ich Reiseleiterin werden. Mein späteres Studium fiel mir nicht immer leicht“, erzählt die Biochemikerin. Heute ist sie zudem geschäftsführende Direktorin des Forschungsbaus ProDi.
Professorin zu werden war nie ihr Ziel. „Das war nie geplant. Mein Leben lang haben sich Türen geöffnet und ich bin durchgegangen. Nach meinem Diplom wurde mir direkt eine Doktorandenstelle angeboten, dann folgte eine kurze Post-Doc-Zeit und dann gab es quasi aus dem Nichts eine Junior-Professur“, so Marcus-Alic.
Treibende Frage: Was macht den Menschen aus?
In dieser Phase nahm ihr Leben erneut eine unerwartete Wendung: „Ich hatte in diesem Wissenschaftssystem immer irgendwie das Gefühl, ich bin ein Alien. Obwohl ich die Arbeit gerne gemacht habe und für die Wissenschaft brenne, hatte ich oft das Gefühl, hier stimmt was nicht. Hier fühlt sich was komisch an. Und dann habe ich verschiedene Coachings mitgemacht, um mir bewusst zu werden, was das ist und wie ich damit umgehen kann“, erzählt Katrin Marcus-Alic.
Die Coachings gefielen ihr so gut, dass sie entschied, sich ebenfalls zum Coach ausbilden zu lassen. „Ich wollte immer verstehen, was den Menschen ausmacht. Ich bin Biochemikerin geworden, weil mich genau diese Frage fasziniert hat. Ich wollte verstehen, was in unseren Zellen passiert und was sich verändert, wenn wir krank werden. Also bin ich immer tiefer eingestiegen: erst in die Biochemie, später in die Proteomforschung. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich sehr viel darüber wusste, wie etwas im Menschen funktioniert – meiner ursprünglichen Frage aber trotzdem nicht wirklich nähergekommen war. Was macht eigentlich den Menschen aus? Mit der Zeit habe ich meinen Blick erweitert. Ich begann, neben dem wissenschaftlich Erklärbaren auch andere Zugänge zum Menschen ernst zu nehmen – Wahrnehmung, Körper, Gefühle und Intuition. Genau das hat auch mein Verständnis vom Wissenschaftscoaching verändert. Für mich reicht es nicht, nur auf die sichtbare Situation oder die nächste Entscheidung zu schauen. Mich interessiert auch, was darunter wirkt und welche Möglichkeiten dadurch wieder zugänglich werden“, sagt Katrin Marcus-Alic.
Das Unterbewusstsein als zentraler Baustein
Heute arbeitet sie sowohl als Universitätsprofessorin als auch als Wissenschafts-Coach. Das Unterbewusstsein ist für sie ein zentraler Baustein. Meist wenden sich Menschen an sie, die fühlen, dass etwas in ihrem Leben nicht passt. Oder die vor einer Entscheidung stehen und nicht weiterkommen. Ihnen hilft Katrin Marcus-Alic, sich darüber bewusst zu werden, was nicht stimmig ist und was sie tief in ihrem Unterbewusstsein eigentlich für sich möchten.
Buchveröffentlichung
Über diese Herangehensweise hat die Wissenschaftlerin nun ein Buch geschrieben, das sie selbst verlegt. „Ich habe sogar das Cover selbst gestaltet“, erklärt sie lachend und man fragt sich, ob ihr Tag vielleicht mehr als die üblichen 24 Stunden hat.
Doch eines wird deutlich: Katrin Marcus-Alic liebt es, mit Menschen zu arbeiten. Dabei geht es ihr nicht darum, ihnen zu zeigen, wie sie sich besser an das Wissenschaftssystem anpassen können. Mit ihrer unkonventionellen Art ermutigt sie junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dazu, ihren eigenen Maßstab zu finden, und Wissenschaft auf eine Art zu gestalten, die zu ihnen passt.