Deborah Maffia und Stefan Winter fordern in ihrem Buch „Das PISAster" eine radikale Reform des Schulsystems.
Reaktion auf PISA-Studie
Bochumer Forschende regen radikale Reform des Schulsystems an
Deborah Maffia und Stefan Winter schlagen in ihrem gerade erschienenen Buch „Das PISAster“ vor, die Zahl der Schulfächer immer wieder neu an die individuelle Leistungsfähigeit von Kindern anzupassen.
Mit ihrem Ende August 2026 erschienenen Buch „Das PISAster. Warum wir ein 5.000 Jahre altes Schuldesign auf den Prüfstand stellen müssen – statt unsere Kinder“ haben Prof. Dr. Stefan Winter und Deborah Maffia vom Lehrstuhl für Human Resource Management der Ruhr-Universität Bochum nicht nur auf bisherige PISA-Studien reagiert, sondern auch die brandaktuellen Ergebnisse praktisch vorweggenommen.
Die neueste PISA-Studie vom 8. September 2026 bestätigt es: Deutsche Schülerinnen und Schüler schneiden im internationalen Vergleich allenfalls durchschnittlich ab. Erneut hat die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) weltweit in rund 90 Ländern verglichen, was 15-Jährige in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik, Naturwissenschaften und computergestütztes Problemlösen wissen und wie gut sie dieses Wissen anwenden können.
Musizieren auf zehn Instrumenten
Praktisch zeitgleich mit dieser Studie haben Winter und Deborah Maffia ihr populärwissenschaftliches Buch veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: „Unser Schulsystem gleicht für viele Schülerinnen und Schüler dem Versuch, einem unmusikalischen Kind das Musizieren auf zehn verschiedenen Instrumenten gleichzeitig beizubringen, obwohl es auf keinem einzigen auch nur einen richtigen Ton zustande bringt.“
In ihrem Werk erläutern Maffia und Winter diesen Befund ausführlich. Das deutsche Bildungssystem standardisiere demnach zu sehr die Schulcurricula: Deutsch, Mathe, Erdkunde, Geschichte, Kunst, Religion, Sport und viele weitere Fächer sind für alle Schülerinnen und Schüler gleich. Das ließe überforderte Kinder in einigen Fächern versagen, was Jahr für Jahr deren Zeugnisse bestätigen. Jährlich verlassen nicht zuletzt deshalb über 50.000 Jugendliche ohne Abschluss die Schule, viele können nicht richtig lesen, schreiben oder rechnen.
5.000 Jahre altes Design des Schulunterrichts
Die Forschenden erinnern daran, dass das heutige Design des Schulunterrichts vor 5.000 Jahren in Mesopotamien entstanden ist; sie fassen es wie folgt zusammen: „Lehrer vermitteln Wissen an Schüler, Schüler lernen in Klassen, alle Schüler haben dieselben Schulfächer.“ Dieses Design werfe im 21. Jahrhundert Fragen auf, beispielsweise: Warum ist Erdkunde Schulfach und nicht Psychologie? Warum schicken wir auch die Kinder in den Geschichtsunterricht, die die Unterrichtssprache nicht verstehen?
Wir schaffen an unseren Schulen das Versagen ab.
„Es geht längst nicht mehr um kleinere Klassen, bessere Lehrerausbildung oder andere Details“, so Maffia und Winter, „es geht um eine fundamentale Änderung des Schuldesigns“. Nicht die Kinder sollen beweisen müssen, dass sie die Eignung für das Schulsystem haben, sondern das Schulsystem solle endlich beweisen, dass es die Eignung für alle Kinder habe.
Basierend auf diesen Erkenntnissen schlagen Maffia und Winter eine radikale Reform des deutschen Schulsystems vor: Jedes Kind solle nur so viele Fächer belegen, wie es gut bewältigen könne. Für die leistungsfähigsten Schüler würde sich nichts ändern, die leistungsschwächsten würden sich indessen auf den Erwerb von Basiskompetenzen konzentrieren. Die Breite des Curriculums könne man regelmäßig an den individuellen Leistungsstand anpassen. „Wer aufholt, verbreitert sein Curriculum, wer zurückfällt, reduziert es wieder. Nicht die Noten atmen, sondern die Curricula. Wir schaffen dadurch an unseren Schulen das Versagen ab“, schlussfolgern die beiden Forschenden.