Björn Rothstein (links) und Karin Yeşilada wollen Mehrsprachigkeit in Schulen fördern.
Sprachdidaktik
Mehrsprachig mitsprechen
In der Schule mehrere Sprachen zu verwenden, gleicht pädagogischer Zauberei. An konkretem Unterrichtsmaterial mangelt es jedoch. Bochumer Forschende wollen die Methode in den Unterricht bringen.
Es ist Montag, 9 Uhr. Im Deutschunterricht der vierten Klasse einer Grundschule bittet die Lehrerin ihre Schülerinnen und Schüler: „Nehmt bitte das Heft heraus!“ Elif sieht Narin fragend an. Diese flüstert ihr auf Türkisch zu: „Defter. Defter.“ Dass mehrsprachige Kinder und Jugendliche sich in ihrer Herkunftssprache im Schulalltag Anweisungen geben, um dem Unterricht auf Deutsch folgen zu können, ist keine Seltenheit. „Die Mehrsprachigkeit kann eine gute Brücke und wertvolle Ressource sein, um Lernprozesse zu erleichtern, einen wertschätzenden Umgang mit anderen Sprachkulturen zu finden und auch um Deutschkenntnisse zu verbessern“, ist Prof. Dr. Björn Rothstein vom Lehrstuhl für Germanistische Sprachdidaktik überzeugt. „Schulisch bleibt die Mehrsprachigkeit jedoch meist ungenutzt“, weiß seine Mitarbeiterin Dr. Karin Yeşilada. Ihr gemeinsames, von der RAG-Stiftung gefördertes, Lehr-Lern-Projekt „Digitale Wege. GeHen (Gemeinsam Herkunftssprachen nutzen)“ setzt genau hier an. Die Forschenden wollen die Fähigkeit, mehrere Sprachen flexibel in einer Situation anzuwenden, im Schulunterricht erforschen und ein Umdenken anregen.
Den monolingualen Habitus aufbrechen
„In Deutschland spielen andere Sprachen, mit Ausnahme der schulischen Fremdsprachen, eigentlich keine Rolle. Ingrid Gogolin hat das als monolingualen Habitus bezeichnet“, beginnt Rothstein. Und diesen Habitus aufzubrechen, sei herausfordernd. „Das bedeutet, in den Köpfen aller Beteiligten – Lehrkräfte, Elternhäuser, Schüler*innen – anzusetzen und sie buchstäblich dazu zu ermuntern, nicht nur Deutsch zu nutzen“, so Rothstein. Und das sei insofern schwer, da alle Bildungsabschlüsse auf Deutsch seien. „Das wird so seit vielen Generationen weitergegeben, ist tief verwurzelt. Da braucht es wirklich eine Ermunterungsstrategie.“ Im Projekt „Digitale Wege. GeHen“ will man daher genau das versuchen: Ermuntern, das sogenannte Translanguaging auszuprobieren, also die Fähigkeit, mehrere Sprachen flexibel im Unterricht anzuwenden. Die Forschenden setzen dabei auf die Unterstützung durch KI.
Was ist Translanguaging?
Was ist Translanguaging?
Das Projekt ist im Januar 2025 gestartet. Im Sommer 2026 beendet das Team das erste Schuljahr. Ein Schuljahr lang hat Karin Yeşilada Unterrichtsstunden an Grundschulen und weiterführenden Schulen begleitet. „Einige Schulen siedeln das Projekt in den internationalen Klassen an, andere binden es in den Regelunterricht ein. Wir richten uns da nach den Strukturen und Gegebenheiten der teilnehmenden Schulen, stellen uns ganz in ihren Dienst“, berichtet die Didaktikerin. Im Vorfeld hatte sie Workshops für die Lehrkräfte gegeben, in denen sie diese für das Prinzip des Translanguaging sensibilisierte – und auch mit der falschen Annahme aufräumte, ab sofort mehrere Sprachen beherrschen zu müssen.
Translanguaging ist eigentlich eine Gebrauchsanleitung für Sprachenbenutzung, aber nicht eine Pflicht zur Sprachenbeherrschung.
Karin Yeşilada (links) und Björn Rothstein forschen am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum.
„Translanguaging ist eigentlich eine Gebrauchsanleitung für Sprachenbenutzung, aber nicht eine Pflicht zur Sprachenbeherrschung“, betont Yeşilada.
Pro Schule nehmen immer zwei Klassen mit jeweils drei bis fünf Schülerinnen und Schülern an dem Projekt teil. In den Vorgesprächen mit den Lehrkräften werden diese gezielt ausgewählt – natürlich mit dem Einverständnis der Eltern. Der Ablauf und die Betreuung der Schüler*innen im Projekt gestaltet sich von Schule zu Schule unterschiedlich und richtet sich nach den Unterrichtsformaten und Arbeitsweisen. „Manchmal wechsle ich innerhalb einer Unterrichtsstunde von Schülerin zu Schüler. Manchmal eignen sich die Stillarbeitsphasen für intensiveres Arbeiten. Dann bin ich als Anlaufstation für mehrere Schülerinnen und Schüler gleichzeitig ansprechbar. Und dann gibt es die Fälle, in denen mich Lehrkräfte bitten, einen Tag oder auch mal drei Wochen lang gezielt mit einem besonders förderwürdigen Schüler zu arbeiten“, schildert Yeşilada.
Hürden überwinden
Zu Beginn der Zusammenarbeit gilt es meist erst einmal, die technischen Hürden zu überwinden. „Da geht es dann ganz praktisch um die verfügbaren Ressourcen, die Ausstattung mit Geräten, das Aufladen, den W-Lan-Zugang, und um die Installation der kostenfreien Übersetzungsapp. Ich leite dann an, wie sie diese nutzen können“, so Yeşilada.
Im ersten Schritt wird die Herkunftssprache herausgesucht, also die Sprache, in die das deutsche Wort übersetzt werden soll. Und das ist gar nicht so leicht. „Nicht alle Sprachen und vor allem Sprachvarietäten sind in der App verzeichnet; einige findet man unter einem anderen Namen. Wir suchten beispielsweise zusammen nach Farsi, das in der App aber unter Persisch verzeichnet ist, ähnlich wie Zaza, Kurmanji oder Sorani unter Kurdisch“, führt Yeşilada aus. Einige Schüler*innen würden die Herkunftssprache auch nur mündlich, aber nicht schriftlich beherrschen. Dann wird auf die Audio-Funktion der App zurückgegriffen – falls vorhanden.
Von Wort zu Wort
Sind diese Hürden aber erst einmal genommen, arbeitet sich Yeşilada mit den Schüler*innen von Wort zu Wort vor. Das funktioniere am besten anhand eines Arbeitsblattes. Im ersten Jahr sei sie sehr oft auf der Wortebene geblieben. „Natürlich können sie sich gleich ganze Sätze übersetzen lassen. Mir war es aber wichtig, dass sie am Wort das Prinzip des Translanguaging verstehen. Sie sollen lernen, dass sie zum Substantiv dann ein passendes Verb suchen können. Also zum Beispiel ‚Veröffentlichung‘ – ‚veröffentlichen‘ So haben wir uns vorgehangelt“, erklärt Yeşilada.
Die Meisten haben angegeben, dass die Unterstützung ihnen sehr viel bringt.
Mit Erfolg! Das haben auch die ersten Befragungen unter den teilnehmenden Schüler*innen bestätigt. „Die Meisten haben angegeben, dass die Unterstützung ihnen sehr viel bringt“, so Yeşilada. „Das Ziel, sich das deutsche Wort in die eigene Sprache zu übersetzen und dadurch besser zu verstehen, haben wir in ganzen vielen Fällen erreicht. Mit einer Schülerin habe ich drei Wochen lang intensiv geübt. Die ist auch über das Translanguaging sehr schnell sehr viel besser geworden“, berichtet Yeşilada.
Eine Motivation für Schülerinnen und Schüler
Für viele sei es eine enorme Motivation gewesen, die eigene Sprache in der Schule benutzen zu dürfen. „Ich hatte mehrere Schüler, die sich daraufhin richtig rangehalten haben, die eigene Herkunftssprache besser zu lernen, etwa die Schriftsprache mitzulernen“, so die Sprachdidaktikerin. Das hätten auch die Lehrkräfte bestätigt, die die Schüler*innen im Unterricht als deutlich motivierter wahrgenommen hätten. „Sie haben sich stärker mit der eigenen Herkunftssprache und Sprachen allgemein auseinandergesetzt und dabei als selbstwirksam erfahren.“
Häufig haben sie so auch das Interesse ihrer Mitschüler*innen geweckt. „Die von mir betreuten Schüler*innen wurden oftmals zu Multiplikator*innen. Dann entfachten plötzlich Diskussionen über Wörter und ihre Bedeutung, an der sich die halbe Klasse beteiligte“, erzählt Yeşilada. Einmal sei es um das Wort „Kessel“ gegangen, ein anderes Mal um die Wörter „Semmel“ und „Publikation“. „Wir haben Synonyme gesucht, versucht, uns die Wörter über den Kontext und unser Vorwissen zu erschließen und auch die KI-gestützte-Bildersuche eingesetzt.“
An Bildungssprache heranführen
So wurden bereits unterschiedliche Lernprozesse angestoßen, Brücken in viele Richtungen gebaut. Auch das ist den Projektleitenden wichtig. „Denn auch die Schüler*innen, die monolingual mit Deutsch aufwachsen, müssen letztendlich KI-Kompetenzen erwerben und mehrsprachig werden. Ganz einfach, weil sie verschiedene Register im Deutschen erwerben müssen, von denen eines die Bildungssprache ist. KI kann dazu beitragen, den Wortschatz zu erweitern, an Bildungssprache heranzuführen“, ist Rothstein überzeugt.
Wirksames Unterrichtsmaterial entwickeln
Nach den ersten anderthalb Jahren will das Team mit dem Projekt nun in die Breite gehen. „Wir starten zum einen die nächste Akquise, wollen weitere Schulen und Schüler für unser Projekt gewinnen. Zum anderen bieten wir Fortbildungen und Workshops für Lehrkräfte an“, so Rothstein. Ziel sei es, konkretes, wirksames Unterrichtsmaterial bereitzustellen, Handlungsempfehlungen zu geben, und die Reflexion über den Einsatz von KI-Tools anzuregen.
Translanguaging gilt als zauberpädagogisches Konzept, aber sucht man nach Materialien in der Translanguaging-Pädagogik oder Didaktik, dann ist da ein schwarzer Fleck.
„Translanguaging gilt als zauberpädagogisches Konzept, aber sucht man nach Materialien in der Translanguaging-Pädagogik oder Didaktik, dann ist da ein schwarzer Fleck. Wir brauchen aber konkrete Methoden und Strategien für unterschiedliche Fächer. Um die Lehrkräfte nicht allein zu lassen. Und um diese Forschungslücke zu füllen“, schließt Rothstein.
Vor den Forschenden liegt noch ein langer Weg. „Das Aufbrechen des monolingualen Habitus braucht Zeit. Das schafft die Maschine nicht allein. Die Lehrkräfte müssen sensibilisiert und geschult werden. Und die Schülerinnen und Schüler fortlaufend ermutigt werden, ihre Mehrsprachigkeit zu nutzen“, so Rothstein.
Demokratien verlaufen zu wesentlichen Anteilen über Sprache.
Rothstein und Yeşilada ist mehr als bewusst, dass sie mit dem Projekt nicht unmittelbar die systemischen Hürden, die den Translanguaging-Ansatz erschweren, aus dem Weg räumen können. Etwa, dass die zurzeit in Nordrhein-Westfalen am häufigsten gesprochenen Einwanderungssprachen an den Schulen nicht beziehungsweise nur kaum als Bildungssprachen verankert sind. „Auch das muss man in Mehrsprachigkeits-didaktischen Kontexten systematisch versuchen aufzubrechen, wobei das ein echt dickes Brett ist“, weiß Rothstein. Dabei seien Sprache, Verständigung und Dialog fundamental für unser demokratisches Miteinander. „Demokratien verlaufen zu wesentlichen Anteilen über Sprache.“
Mitsprache ermöglichen
Translanguaging könnte ein Ansatz sein, um Mitsprache zu ermöglichen und Brücken zu bauen. Elif und Narin müssten im Unterricht nicht mehr flüstern. Vor ihnen auf dem Tisch würde eine Strategiekarte liegen und sie daran erinnern: „Denk dran, du bist mehrsprachig. Nutz das!“