Til Böttner und Mareike Huhn erforschen Seescheiden. Das sind kleine Manteltiere, die sesshaft leben, indem sie sich am Meeresboden, auf Felsen oder anderen Untergründen festhalten.
Meeresbiologie
Wie Seescheiden Unterwasserlärm wahrnehmen
Schiffe und Bauarbeiten machen die Meere zur Lärmkulisse – doch festgewachsene Seescheiden nehmen diesen Lärm ganz anders wahr als gedacht. Eine Studie zeigt, dass nicht der Schall selbst bei ihnen Reaktionen auslöst.
Schifffahrt, Bauarbeiten und andere menschliche Aktivitäten verändern die akustischen Bedingungen der Meere. Welche Auswirkungen dieser Unterwasserlärm auf marine Organismen hat, wird häufig anhand des Schalldrucks untersucht. Für Tiere, die fest mit dem Untergrund verbunden sind, könnte diese Betrachtung jedoch zu kurz greifen. Ein Team um Dr. Mareike Huhn vom Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie und Neurobiologie der Ruhr-Universität Bochum wollte daher wissen, wie Seescheiden auf Unterwasserlärm reagieren. Bei diesen Meeresbewohnern handelt es sich um kleine Manteltiere, die sesshaft leben, indem sie sich am Meeresboden, auf Felsen oder anderen Untergründen festhalten. Die Forschenden fanden heraus, dass die Tiere nicht so sehr auf den Schalldruck, sondern auf Vibrationen reagieren. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift Marine Biology vom 18. August 2026.
Schalldruck alleine reicht nicht aus
„Wir haben an der Seescheide Halocynthia papillosa untersucht, welche Komponenten niederfrequenter vibroakustischer Reize Verhaltensreaktionen auslösen“, berichtet Til Böttner im Rahmen seiner Doktorarbeit. „In Feldexperimenten im Mittelmeer und unter kontrollierten Laborbedingungen haben die Tiere vor allem zwischen 50 und 800 Hertz mit Kontraktionen reagiert. Interessanterweise waren diese Reaktionen mit erhöhten Vibrationen im Substrat verbunden.“
Erstaunlicherweise zeigten die Seescheiden selbst bei Unterwasserschalldruckpegeln von mehr als 130 Dezibell keine vergleichbaren Reaktionen, solange die Vibrationen des Untergrunds unterhalb der ermittelten Reaktionsschwellen lagen. „Die Ergebnisse zeigen damit, dass Schalldruck allein die beobachteten Verhaltensreaktionen nicht erklären kann“, fasst Dr. Mareike Huhn zusammen.
Das Nervensystem im Fokus
Welche sensorischen Strukturen die mechanischen Reize wahrnehmen, ist bislang nicht geklärt. Seescheiden besitzen jedoch spezialisierte bewimperte Mechanorezeptorzellen im Bereich der Siphone, insbesondere im sogenannten Koronalorgan. Diese könnten lokale Wasserbewegungen oder mechanische Verformungen registrieren. „Ob die Rezeptoren durch Partikelbewegungen im Wasser oder durch über den Untergrund und den Mantel übertragene Vibrationen stimuliert werden, muss durch weitere physiologische und neurobiologische Untersuchungen geklärt werden“, so Til Böttner.
Offene Fragen bleiben
Schalldruck, Partikelbewegung und substratgebundene Vibrationen sind unter Wasser, insbesondere bei niedrigen Frequenzen, physikalisch eng miteinander gekoppelt. Eine vollständige Trennung dieser Komponenten war daher auch in der aktuellen Studie nicht möglich. „Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass mechanische Komponenten des Unterwasserschalls bei der Untersuchung benthischer Organismen stärker berücksichtigt werden müssen“, sind sich die Bochumer Forschenden sicher.
Zukünftige Studien sollen klären, welche mechanischen Reize tatsächlich wahrgenommen werden und wie diese sensorisch und neuronal verarbeitet werden. Damit verbindet die Forschung am Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie und Neurobiologie der Ruhr-Universität Bochum Meeresbiologie, Bioakustik und Neurobiologie, um die Auswirkungen anthropogenen Unterwasserlärms differenzierter zu verstehen. Auch international fand die Arbeit Anerkennung: Für die Präsentation der Forschung auf dem International Tunicate Meeting (ITM) erhielt Til Böttner den Preis für den besten Vortrag eines Nachwuchswissenschaftlers.