Wanda Gerding (links) und Nadine Müller teilen sich für weitere drei Jahre das Amt der Gleichstellungsbeauftragten.
Gleichstellungstandem
Nahbar und eingegroovt
Seit drei Jahren teilen sich Dr. Wanda Gerding und Nadine Müller das Amt der Gleichstellungsbeauftragten. Was sie erreicht haben und in ihrer zweiten Amtszeit planen, erzählen sie im Interview.
Frau Gerding, Frau Müller, wenn Sie zurückschauen auf die vergangenen drei Jahre, was haben Sie bisher erreicht?
Müller: Vieles von dem, was wir uns vorgenommen hatten, haben wir erreicht. Manche Ziele haben wir im Laufe der Zeit hinterfragt und neu justiert. Man darf sich die eigene Agenda nicht zu vollpacken. Wir haben gesehen, dass uns in diesem Amt neben wiederkehrenden Routineaufgaben viele kurzfristige Themen erreichen, die dann auch entsprechend adressiert werden müssen.
Gerding: Für die zweite Amtszeit von drei Jahren heißt das, auch Raum zu lassen für Dinge, die unvorhergesehen passieren oder sich neu ergeben. Gleichstellungsarbeit befindet sich immer im Fluss.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Gerding: Es gab 2025 hier im Gebäude GA Einbrüche in die Räumlichkeiten des Gleichstellungsbüros und der Antidiskriminierungsstelle, woraufhin die Hochschulleitung ein ganz deutliches Zeichen gegen diese Einschüchterungsversuche gesetzt hat. Wenn so etwas Einschneidendes passiert, bindet es Kapazitäten, natürlich auch im Team. Was muss organisiert werden? Wie gehen wir mit dieser Situation um? Dann kommt noch Weiteres dazu: Wie ist unsere Kommunikation? Was sind notwendige Maßnahmen und sich daraus ergebende Learnings, die wir ableiten? Auf so eine große Sache waren wir nicht vorbereitet.
Was haben Sie denn daraus abgeleitet?
Gerding: Wir haben gesehen, dass akuter Handlungsbedarf notwendig war und die nächsten Schritte gemeinsam mit unserem Team geplant werden müssen. Aber es galt auch Fragen zu klären, wie es uns mit der Situation geht und wie wir uns fühlen. Und natürlich haben wir auch persönliche Konsequenzen abgeleitet.
Müller: Es ist eine der Herausforderungen in dem Amt, dass eben auch manche Dinge ins Privatleben reinspielen. Und hier haben wir auf jeden Fall unsere Konsequenzen gezogen.
Welche längerfristig gesteckten Ziele haben Sie erreicht?
Gerding: Der neue Rahmenplan für Gleichstellung ist ein Beispiel. Er unterscheidet sich von den vorhergehenden Versionen, da er unterschiedliche Diskriminierungsformen sichtbar einbezieht. Darauf sind wir sehr stolz, weil wir damit eine intersektionale Perspektive – das heißt Mehrfachdiskriminierungen auch außerhalb des Geschlechts – und auch eine europäische Perspektive berücksichtigen und das entsprechend kennzeichnen. Es wird in Kürze eine englische Lesefassung des Rahmenplans veröffentlicht; wir achten zudem auf die Barrierefreiheit beziehungsweise Zugänglichkeit der Dokumente für alle Personenkreise. Das ist uns besonders wichtig, um einerseits die Hochschulgemeinschaft mit unseren Themen mitzunehmen, aber auch thematische Verknüpfungen wie mit der Diversitätsstrategie der RUB herzustellen.
Müller: Unser jüngstes Dokument ist die Handreichung geschlechter- und diversitätssensible Bildsprache. Das ist natürlich auch etwas, das durch mehrere Hände, mehrere Gremien geht und die Expertise von unterschiedlichen Stakeholdern einbezieht.
Ebenfalls neu aufgesetzt haben wir seit zwei Jahren eine Veranstaltung zur Sichtbarkeit von Frauen und nicht-binären Personen in der Wissenschaft: „My Space in Science“. Das gab es vorher nicht, aber wir sehen den Bedarf hier unabhängig von den Statusgruppen Wissenschaft, Technik und Verwaltung und Studierende gleichermaßen anzusprechen. 2027 wird „My Space in Science“ im Musischen Zentrum stattfinden. Hinzu kommt die stetige Arbeit an unserem Magazin Chancen=, das jährlich zum Wintersemester erscheint, und natürlich die nicht unerhebliche Zeit für Gremienarbeit.
Lässt sich das quantifizieren?
Müller: Wir sind zum Glück in der Position, dass wir dezentrale Gleichstellungsbeauftragte haben, die uns tatkräftig unterstützen – insbesondere an den Fakultäten, wenn es um Berufungsverfahren geht.
Gerding: Geschätzt sind es in der Vorlesungszeit mindestens 50 Prozent Gremienarbeit einschließlich der entsprechenden Vor- und Nachbereitungszeiten. Wir beide haben als Tandem natürlich den Vorteil, dass wir uns die Gremienarbeit aufteilen können und somit auch gedanklichen Raum für andere Themen haben.
Wir sind beide jeden Tag mit unseren Aufgaben beschäftigt und jonglieren bedarfsgerecht zwischen Fakultäts- und Gleichstellungsarbeit.
Es gibt wahrscheinlich Tätigkeiten, die geeigneter dafür sind, sie einfach in der Mitte durchzuschneiden.
Wie haben Sie sich als Tandem in dieser Position eingegroovt?
Müller: Sehr gut! Ganz am Anfang hatten wir uns überlegt, die Woche klar aufzuteilen, sodass jeweils eine von uns tageweise mehr beziehungsweise weniger im Vordergrund ist. Es hat sich jedoch gezeigt, dass das für uns in der Praxis meist nicht umsetzbar ist. Wir sind beide jeden Tag mit unseren Aufgaben beschäftigt und jonglieren bedarfsgerecht zwischen Fakultäts- und Gleichstellungsarbeit.
Gerding: Es gibt wahrscheinlich Tätigkeiten, die geeigneter dafür sind, sie einfach in der Mitte durchzuschneiden. Wir haben aber gesehen, dass es in einigen Tätigkeiten durchaus sinnvoller ist, eine themenbezogene Aufteilung durchzuführen. Beispielsweise haben wir einen Weg gefunden, die Gremienarbeit aufzuteilen.
Müller: So können wir inhaltlich eine gewisse Kontinuität wahren. Es wäre zum Beispiel ungünstig, wenn wir uns in den wöchentlichen Rektoratssitzungen abwechseln würden. Dann wieder im Anschluss der Kollegin zu berichten, kostet ja auch Zeit.
Das ist wie so eine Berufsehe, die wir beide eingegangen sind.
Gerding: Zu Beginn unserer ersten Amtszeit kannten wir uns beide lediglich als Kolleginnen aus dem Gleichstellungsbüro. Durch unterschiedliche Projekte und Zielgruppen hatten wir zuvor auch eher wenige berufliche Berührungspunkte. Inzwischen haben wir uns wirklich gut kennengelernt und eingespielt und sagen auch mal spaßeshalber: Das ist wie so eine Berufsehe, die wir beide eingegangen sind.
Müller: Unser Medium ist meistens das Telefon. Wir telefonieren sehr viel, ja, an allen möglichen Orten. Das verschafft uns wiederum ein bisschen Spielraum.
Gerding: Früher mussten wir in dringenden Fällen und zur Abstimmung häufig außerhalb der regulären Arbeitszeiten telefonieren. Das hat sich dann glücklicherweise gelegt, je länger die Amtszeit dauerte und je besser wir eingespielt waren. Aber ab und zu passiert das immer noch.
War das Eingespieltsein ein ausschlaggebender Grund für die Kandidatur zur zweiten Amtszeit?
Gerding: Ja, definitiv. Gute Routinen sind im Arbeitsalltag sehr hilfreich, sofern wir in unserem abwechslungsreichen Amt überhaupt von Routinen sprechen können. Es wurden in letzter Zeit viele gleichstellungsrelevante Dinge angestoßen und Projektabschlüsse und Zwischenziele stehen noch aus. Wir haben in unserer Amtszeit viele tolle Menschen auf dem Campus und auch außerhalb kennengelernt, die sich unermüdlich und meist auch ehrenamtlich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Das braucht es einfach. Es braucht neben einer klaren Strategie und dem Commitment der Hochschule, Gleichstellungsziele voranzutreiben, auch viele Akteur*innen, die das mitumsetzen und unterstützen. Für uns ist es enorm wichtig, Kontinuität und die erreichten Ziele zu sichern. Deswegen war das Motto unserer Wiederbewerbung „nachhaltige Geschlechtergerechtigkeit“. Wir möchten sicherstellen, dass Themen, die angestoßen worden sind, umgesetzt und weiterentwickelt werden können. Das ist uns ein wichtiges Anliegen.
Verstärkung gesucht
Was haben Sie sich für Ihre zweite Amtszeit vorgenommen?
Müller: In der Mitte der Laufzeit des Rahmenplans schauen wir nach der Umsetzung der Maßnahmen: Wie läuft es da? Das ist ein Hebel der Gleichstellungspolitik, den wir weiterverfolgen wollen. Ebenso wie in den einzelnen Fakultäten die Zielvereinbarungen für Gleichstellung. Da arbeiten wir mit einer Experimentierklausel. Das bedeutet, dass die Fakultäten etwas freier sind in ihren Maßnahmen oder in dem, wie sie Gleichstellung auf dezentraler Ebene umsetzen. Das zu begleiten, ist ein spannender Prozess. Oder nehmen wir die von uns angestoßenen Orange Days – die Woche, die wir mit dem AKAFÖ in Kooperation veranstalten, um auf sexualisierte Gewalt aufmerksam zu machen. Hier ernten wir zwar langsam, aber mehr und mehr die Lorbeeren, da sich das Engagement auszahlt und wir merken: Das verankert sich fest auf unserem Campus.
Gerding: Öffentlichkeitsarbeit ist ohnehin ein großer Baustein unseres Konzepts, um durch Sichtbarkeit Aufmerksamkeit zu schaffen. Ebenso liegen uns die Kooperationen mit unseren Partneruniversitäten in der Universitätsallianz Ruhr und auch auf europäischer Ebene sehr am Herzen. In unserer ersten Amtszeit hatten wir ein europäisches Projekt mit Partneruniversitäten, die auch teilweise im UNIC-Netzwerk vertreten sind. Es ist unser Wunsch, über solche Kooperationen auch die europäische Perspektive weiterzuverfolgen.
Ein schönes Beispiel dafür, dass Gleichstellungsarbeit immer Im Fluss ist, haben wir im Ruhr Innovation Lab gemeinsam mit der TU Dortmund im Rahmen der Vorbereitungen für die Exzellenzstrategie gesehen. Hier können wir positiv berichten, dass wir durch die intensiven Vorbereitungen unsere ohnehin bereits jahrelang bestehende Zusammenarbeit noch mal intensiviert haben. Dadurch sind wir noch mal enger in den Austausch gegangen und planen perspektivisch zusätzlich zu den etablierten Instrumenten, wie den gemeinsamen Fortbildungsveranstaltungen, bereits weitere gemeinsame Projekte
Uns wurde schon mehrfach gesagt, dass wir so nahbar sind.
Das ist ein schönes Feedback!
Das Ruhr Innovation Lab versteht sich ja als Experimentierlabor, wo man auch mal Dinge ausprobieren soll ...
Gerding: Ja, absolut! Das ist etwas, das uns total begeistert. Ein experimentelles Herangehen mit der Möglichkeit und dem Ziel, etwas Innovatives jenseits bestehender – gedanklicher – Grenzen auf die Beine stellen. Darauf freuen wir uns sehr!
Müller: Das können wir gut. In der Zusammenarbeit mit anderen ist uns schon mehrfach gesagt worden, dass wir so nahbar sind.
Gerding: Das ist ein schönes Feedback! Wie gewohnt sind wir auch in unserer zweiten Amtszeit bei jeglichen gleichstellungsbezogenen Themen niedrigschwellig und vertraulich ansprechbar.
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