Maria-Sibylla Lotter bei ihrer Dankesrede
Auszeichnung
Maria-Sibylla Lotter erhält Tractatus-Preis
Die Bochumer Philosophin wird für ihr Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ geehrt.
Prof. Dr. Maria-Sibylla Lotter hat für ihr 2026 im Hanser Verlag erschienenes Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ den Tractatus-Preis für philosophische Essayistik 2026 gewonnen. Sie erhielt den mit 25.000 Euro dotierten Preis am 25. September 2026 in Lech am Arlberg. Maria-Sibylla Lotter ist seit 2014 Professorin für Ethik und Ästhetik mit besonderer Berücksichtigung der Philosophie der Neuzeit an der Ruhr-Universität Bochum.
Starke mediale Resonanz
Maria Sibylla Lotters Werk fand seit dem Erscheinen im März 2026 starke mediale Resonanz, wobei die Autorin unter anderem für ihren betont ausgewogenen Blick auf eine aufgeregte Debatte gelobt wird. Mit ihrer Analyse historischer Hintergründe und ambivalenter Auswirkungen der Aufwertung des Opfers in der heutigen Gesellschaft und Debattenkultur geht Lotter dem Phänomen in seiner Vielschichtigkeit auf den Grund. In der Jurybegründung heißt es: „Wenn der aktuelle Diskurs durch eine moralische Aufwertung des Opfers und seiner dramatisierten Klage bestimmt ist, stellt sich die Frage nach den Folgen für das soziale Miteinander. In ihrem Essay nähert sich Maria-Sibylla Lotter diesem brisanten Problem mit kühlem Kopf und sachlichem Engagement auf drei Ebenen: Da ist die Autorität des Opfers, die es nahezu sakrosankt macht; da ist die insbesondere durch die sozialen Medien dynamisierte Logik der Empörung, die grundsätzlich von einer Schuldvermutung ausgeht; und da ist vor allem die Therapiemoral, die sich aus einer zunehmenden Pathologisierung psychischer Zustandsbilder ableitet. Der Opferbegriff, dem jeder Aspekt der Selbstbestimmung, des Sich-Opferns, abhandengekommen ist, tendiert dazu, unter rassistischer oder sexueller Diskriminierung Leidende in ihrem Selbstbild der Inferiorität zu fixieren.“
Zur Person
Die kritische Bestandsaufnahme von Maria-Sibylla Lotter zeichne sich insbesondere durch den spezifischen diskursanalytischen Ansatz aus, wie die Jurybegründung des Weiteren hervorhebt: Mithilfe anschaulicher Beispiele aus dem öffentlichen Leben wie aus ihrer privaten Erfahrung zeige die Autorin, wie die gut gemeinte Erweiterung von Begriffen wie „Trauma“ oder „Gewalt“ zu einer Verengung der Debatte, aber auch des Handlungsspielraums führt, der einer Person oder Gruppe zugetraut und zugebilligt werde. Lotter, so die Jury weiter, beschreibe das Einsickern radikaler akademischer Ideologiekritik in den gesellschaftlichen Mainstream, die erbitterte Rivalität von Opfergruppen und die Lähmung demokratischer Streitkultur. Der emanzipatorische Impuls der Veränderung, so Lotters Diagnose, sei in den letzten Jahrzehnten von den realen Verhältnissen in die Sprache gewandert. Dass sie folgerichtig Diskursgeschichte als Begriffsgeschichte ins Visier nehme, sei das größte Verdienst ihres glasklar formulierten Buches. Präzis schärfe Maria-Sibylla Lotter mit dem einschlägigen Vokabular auch unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lasse.
Maria-Sibylla Lotter war sich von Beginn an einer gewissen Brisanz ihres Buches bewusst. „Dass der Hanser Verlag sich bei allem zu erwartenden Gegenwind auf dieses Buch eingelassen hat und dass die Jury des Tractatus-Preises es nun sogar ausgezeichnet hat, freut mich sehr. Dem Verlag und der Jury danke ich dafür sehr herzlich", erklärt die Preisträgerin.
Über den Preis
Über den Preis