Ratten sind in bestimmtem Maße zur Empathie fähig.
Philosophie
Wie einfühlsam Ratten sind
Eine Ratte befreit zuerst ihren Artgenossen und teilt dann Futter mit ihm. Ist sie also genauso emphatisch wie wir Menschen?
In einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2011 konnten Forschende beobachten, dass Ratten zuerst ihren befreundeten Artgenossen aus einem Käfig befreiten, um dann angebotenes Futter mit ihm zu teilen, anstatt ihn im Käfig zu lassen und alleine zu fressen. Sie zeigten also Empathie. Aber ist es dieselbe Art von Einfühlungsvermögen, wie wir Menschen es besitzen? Oder unterscheidet es uns vom Tier? Dieser Frage ist ein Forschungsteam um Prof. Dr. Albert Newen vom Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität Bochum nachgegangen. Sie haben ein Modell entwickelt, Empathie bei verschiedenen Tieren genauer zu beschreiben. Ihre Antwort: Ja, Ratten haben Empathie. Sie unterscheidet sich jedoch graduell von der des Menschen. Die Forschenden berichten in der Zeitschrift Biological Review vom 28. Juni 2026.
Empathie ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält und unseren Lebensalltag persönlich und menschlich macht. Ist sie daher nicht ein guter Kandidat für ein Merkmal, das uns Menschen von den Tieren unterschiedet? Gibt es überhaupt Kandidaten im Tierreich, die Empathie zeigen? „Na klar“, ist die Antwort der Hundebesitzer. „Allerdings ist hier kritisch anzumerken, dass Besitzer ihre Haustiere nahezu immer so wie Menschen interpretieren und daher natürlich auch Empathie sehen“, so Albert Newen. Ratten dagegen sind für Menschen gefährliche Krankheitsüberträger. Schließen wir sie deshalb von vornherein als nicht empathisch aus? Wie können wir wissenschaftlich möglichst ohne Vorurteile feststellen, ob Tiere sich empathisch verhalten können und welche Tierarten dafür in Frage kommen?
Verhaltensweisen testen
Um diese Fragen zu beantworten, zogen die Forschenden Verhaltensbeobachtungen heran. In einer im Magazin Science 2011 publizierten Studie lebten zwei Ratten in einem großen Käfig, gehörten zu derselben Gruppe und kannten sich gut. Eine der beiden Ratten wurde in einem kleinen, engen Käfig eingesperrt, wo sie sich kaum rühren konnte, und der nur von außen zu öffnen war. Die andere war hungrig und wurde nahe der gefangenen Ratte frei gelassen. Sie sah auf der einen Seite Schokolade und auf der anderen Seite die befreundete Ratte im Käfig. Was machte sie? Sie befreite zuerst die befreundete Ratte und teilte dann die Schokolade. „Was will man mehr, um zu zeigen, dass Empathie vorliegt?“, so die Ko-Autorin der Bochumer Studie Maja Griem.
Während jedoch eine Gruppe von Tierforschenden dieses Ergebnis als voll ausgeprägte Empathie feierte, blieben andere skeptisch und leugneten, dass es sich um Empathie handeln kann, denn diese sei doch zutiefst menschlich. Ein Dilemma, das das Team um Albert Newen auflösen wollte.
Multidimensionale Profile von Empathie erstellen
Die Forschenden erstellten dazu multidimensionale Profile von Empathie. Zunächst schlossen sie aus, dass es sich nur um ein angeborenes Instinktverhalten handelt: Ratten helfen nur befreundeten Ratten, nicht aber solchen, denen sie noch nie begegnet sind. Handelt es sich um Empathie, darf das Helfen nicht einfach zufällig auftreten. Es setzt voraus, dass das Erfassen des anderen in drei Dimensionen erfolgt, nämlich durch ein Registrieren der Emotion des anderen, seiner Situation und seiner mentalen Verfassung. Schließlich sollte auch das Verhalten sich auf dieses Registrieren stützen und nicht instinktiv, sondern flexibel erfolgen. Es sollte nicht erfolgen, weil mir selbst das Helfen gut tut, sondern weil es auf den anderen gerichtet ist. „Insgesamt haben wir also fünf Dimension von Fähigkeiten, die eng mit Empathie verknüpft sind“, erklärt Albert Newen: „Das Registrieren der Emotion, der Situation und der mentalen Verfassung des Anderen sowie die beiden Verhaltensmerkmale, das das Verhalten flexibel und auf den anderen gerichtet ist.“
Verschiedene Tierarten vergleichen
Diese fünf Dimensionen konnte das Forschungsteam nun genauer untersuchen und feststellen, wie stark es jeweils bei verschiedenen Tierarten ausgeprägt ist. Sie verglichen sie anhand vorhandener Verhaltensstudien für Menschenaffen, Ratten (und Mäuse), für Hunde (und Wölfe) sowie für krähenartige Vögel. „Damit können wir diese Profile für Empathie untereinander und mit uns Menschen vergleichen“, erläutert die Koautorin und Schimpansenforscherin Simone Pika aus Osnabrück. Ergebnisse: Ratten verfügen über die ersten beiden Fähigkeiten (Registrieren der Emotion und der Situation) in mittlerer Ausprägung, während das weitere Registrieren der mentalen Verfassung (außer der Emotion) fast gar nicht ausgeprägt ist. Die Verhaltensdimension der Flexibilität ist bei Ratten stark ausgeprägt, dagegen die Orientierung des Verhaltens auf den anderen nur mittelmäßig. „Vereinfacht kann man sagen, dass das erstaunliche Helferverhalten von Ratten ein Fall von Empathie ist“, so Newen, „aber es ist nicht dieselbe Empathie wie beim Menschen, vor allem, weil eine Sensitivität der mentalen Verfassung des anderen, die über das Registrieren der Emotion hinausgeht, fehlt.“
Die Profile der Empathie, zu denen verschiedene Tiere fähig sind.
„Wir müssen jetzt nicht länger eine Ja/Nein-Antwort auf die Frage geben, ob Ratten Empathie besitzen. Wir können genauer bestimmen, über welche Art beziehungsweise welches Profil von Empathie in einem graduellen Verständnis sie verfügen“, so Albert Newen.