Religiosität spielt in der Kindererziehung immer weniger eine Rolle.
Psychologie
Wo Religion fehlt, ist mehr Angst
In der Kindererziehung gelten heute andere Werte als früher, besonders die Religiosität ist im Niedergang. Das nimmt Kindern ein Gemeinschaftsgefühl, welches sie vor Angststörungen bewahren kann.
Immer mehr junge Menschen weltweit leiden unter Angststörungen. Ein Team des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) der Ruhr-Universität hat untersucht, wie diese Entwicklung mit Veränderungen in gesellschaftlichen Erwartungen und Erziehungswerten zusammenhängt. Dabei zeigte sich, dass religiöser Glaube ein entscheidender Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist. Länder, in denen Religiosität stark an Bedeutung verloren hat, weisen demnach einen vergleichsweise hohen Anstieg in der Inzidenz von Angststörungen auf, wie die Forschenden in der Zeitschrift Developmental Science vom 11. Februar 2026 berichten.
Für ihre Arbeit haben die Forschenden Daten aus 70 Ländern auf allen Kontinenten analysiert. Dabei betrachteten sie Entwicklungen in den vergangenen drei Jahrzehnten, von 1989 bis 2022. Grundlage der Analyse waren Gesundheitsdaten zur Häufigkeit von Angststörungen bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen in den betreffenden Ländern. Darüber hinaus flossen Kulturdaten des World Values Survey in die Untersuchung ein. Dieses globale Netzwerk der Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit dem Wandel von kulturellen Werten und deren Auswirkungen auf das politische und soziale Leben.
„Über die Zeit haben sich gesellschaftliche Erwartungen, wie Kinder idealerweise sein sollten, weltweit bedeutend verändert“, sagt der Hauptautor der Studie, Leonard Kulisch. „Wir wollten daher herausfinden, ob diese veränderten Erwartungsmuster mit der Zunahme von Angststörungen im Zusammenhang stehen.“
Werte haben sich verändert
In westlichen Ländern spielten – anders als früher – Werte wie Gehorsamkeit eine untergeordnete Rolle in der Erziehung. Stattdessen gelte als wünschenswert, die Eigenständigkeit und Individualität von Kindern zu fördern. Die Analyse habe gezeigt, dass dieser westliche Perspektivwechsel die Entstehung von Ängsten bei Kindern und Jugendlichen in diesen Ländern womöglich begünstige.
Über alle Kontinente hinweg sei insbesondere eine Abnahme an Religiosität in der Erziehung der entscheidendste Risikofaktor für Angststörungen, „vermutlich, weil Religiosität das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert und dem Leben eine Richtung gibt“, sagt Leonard Kulisch. Wo Religion als Ressource allmählich verschwinde, entstehe möglicherweise eine Lücke. „Familien sind einsamer, haben ein weniger stabiles soziales Netzwerk, und Routinen im Alltag fallen weg.“ Gerade solche Voraussetzungen seien aber zentral dafür, dass Kinder psychisch gesund aufwachsen könnten.
Die Gemeinschaft fördern
Vor diesem Hintergrund liefere die Studie wichtige Anknüpfungspunkte für Eltern und gesellschaftliche Haltungen. „Individualität und Eigenständigkeit sind in den bestehenden Wirtschaftssystemen sinnvoll, um im Wettbewerb zu bestehen und Innovationen zu fördern“, sagt Leonard Kulisch. „Doch in westlichen Ländern hat die Ausprägung dieser Werte das gesunde Maß überschritten.“ Da Religion als Quelle von Gemeinschaft und Sinn in der Erziehung vielerorts an Bedeutung verliere, werde es zunehmend wichtig, alternative Wege zur Förderung dieser Schutzfaktoren bei Kindern zu stärken. „Aktivität in Vereinen und Gruppen sowie zivilgesellschaftliches Engagement könnten wichtige Faktoren sein, um der Entstehung von Angststörungen entgegenzuwirken.“ Auch Kitas und Schulen sollten gezielt daran arbeiten, die Gemeinschaft von Kindern und Jugendlichen in den Einrichtungen zu fördern, empfiehlt der Wissenschaftler.