
Psychopharmaka Ein Comeback der klassischen Antipsychotika?
Mit einem Modell hat die Neurobiologin Christine Gottschling die Wirkung verschiedener Klassen von Psychopharmaka untersucht. Mit überraschendem Ergebnis.
Patienten mit Schizophrenie nehmen üblicherweise über lange Zeit Antipsychotika ein. In den vergangenen Jahren setzte die Psychiatrie dabei stark auf Medikamente der sogenannten zweiten Generation, weil bei manchen Klassikern der ersten Generation starke Nebenwirkungen auftreten. Eine Studie, die in der RUB-Neurobiologie gemeinsam mit der Psychiatrie durchgeführt wurde, könnte ein Comeback bestimmter klassischer Antipsychotika bedeuten: Im Modell zeigten einige Präparate ähnliche Eigenschaften wie die neueren Medikamente. „Das Brett im Kopf der Ärzte muss weg“, so das Fazit von Prof. Dr. Georg Juckel vom RUB-Klinikum. „Wir müssen die Medikamente, auch die alten, differenzierter beurteilen.“
Neues Modell mit zwei Zellarten
Die Neurobiologin Christine Gottschling verglich den Einfluss der Wirkstoffe Haloperidol und Flupentixol aus der ersten Generation sowie Olanzapin aus der zweiten Generation auf Netzwerke von Hirnnervenzellen der Ratte. Nach einigen Tagen konnte sie Unterschiede bei der Anzahl von Synapsen, den Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, feststellen. Haloperidol verringerte die Zahl der Synapsen; Olanzapin und Flupentixol erhöhten sie. „Solche Verbindungen zwischen Nervenzellen anzukurbeln, ist eine wichtige Aufgabe von Antipsychotika, weil sie bei psychiatrischen Erkrankungen häufig vermindert sind“, erklärt Georg Juckel.
Traditionelle Abwertung ist hinfällig
Überraschend war für die Forscher, dass die Behandlung der Nervenzellen mit dem Wirkstoff der ersten Generation Flupentixol ähnliche Ergebnisse erzielte wie die Behandlung mit Olanzapin, das zur zweiten Generation gehört. „Das ist klinisch von großer Bedeutung“, so Juckel. „Die bisherige generelle Abwertung von Wirkstoffen der ersten Generation ist hinfällig. Eine Substanz wie Flupentixol mit seinen offenkundigen neuroplastischen Eigenschaften kann und sollte auch noch heute stärker in der Behandlung von langfristig an Schizophrenie leidenden Patienten eingesetzt werden.“