Anke Reinacher-Schick war Präsidentin des 37. Deutschen Krebskongresses in Berlin.
Interview
Was in der Krebsmedizin Hoffnung macht
Die RUB-Onkologin Anke Reinacher-Schick war Kongresspräsidentin des Deutschen Krebskongresses 2026. Sie blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.
Der Deutsche Krebskongress bringt als größter deutschsprachiger Fachkongress zum Thema Krebs die gesamte onkologische Expertise zusammen, inklusive Pflege und Betroffenenvertretungen. Ende Februar 2026 waren in Berlin rund 12.500 Teilnehmende vor Ort. Prof. Dr. Anke Reinacher-Schick, Direktorin der Klinik für Hämatologie und Onkologie mit Palliativmedizin im St. Josef-Hospital des Katholischen Klinikums Bochum, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum, war dieses Jahr Kongresspräsidentin. Im Interview spricht sie über die wichtigsten Erkenntnisse.
Frau Prof. Reinacher-Schick, was waren aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Themen, die auf dem Deutschen Krebskongress dieses Jahr behandelt wurden?
Reinacher-Schick: Wir stehen heute auch in der Onkologie vor vielfältigen Herausforderungen. Die Patientenzahlen steigen kontinuierlich und die Erkrankungssituationen werden immer komplexer; gleichzeitig haben wir immer knappere Ressourcen, das heißt Fachkräftemangel und leere Kassen. Hinzu kommen rasante medizinische und technologische Fortschritte.
Aus diesen Gründen haben wir für den Kongress das Motto „zusammen – gezielt – zukunftsfähig“ gewählt. Und dies sind für mich auch die drei wichtigsten Themen des Kongresses gewesen.
Können Sie das näher erläutern?
Zusammen bedeutet vor allem Teamarbeit – Interdisziplinarität, ein Thema, das sehr zentral in vielen wissenschaftlichen und politischen Sitzungen präsentiert und diskutiert wurde, auch im Hinblick auf die Reformen im Gesundheitswesen, zum Beispiel die Krankenhausreform. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team ist das Herzstück und der Motor unserer zertifizierten Zentren der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG). Hier wird – basierend auf den neuesten Erkenntnissen der Onkologie – die Diagnostik und Therapie jedes einzelnen Betroffenen qualitätsgesichert und leitliniengerecht gestaltet. Diese Behandlung in spezialisierten Zentren verbessert nachweislich das Überleben unserer Patienten.
Zusammen heißt aber auch, mit allen – für alle. Dass die optimale Therapie auch jeden Betroffenen erreicht, unabhängig von Wohnort und Herkunft.
In den vergangenen Jahren spielen auch die Partizipation und Patientenzentrierung eine immer größere Rolle. Wir begleiten unsere Patientinnen und Patienten in der vermutlich schwersten Zeit ihres Lebens. Somit haben wir die Verpflichtung, ihre Perspektiven mit einzubeziehen.
Zusammen heißt aber auch, mit allen – für alle. Dass die optimale Therapie auch jeden Betroffenen erreicht, unabhängig von Wohnort und Herkunft. Denn noch immer ist es zum Beispiel so, dass in Gegenden mit niedrigen Einkommen das krebsspezifische Überleben schlechter ist als in Gegenden mit höherem Einkommen. Zum Thema Zugang zu optimaler Versorgung für alle leistet unser Zertifizierungssystem der DKG ebenfalls wichtige Arbeit. Unsere über 1.700 Organkrebszentren sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Auf dem Kongress haben wir intensiv diskutiert, wie wir zum Beispiel ambulante Strukturen noch besser einbinden und vor allem Angebote für Menschen mit Einschränkungen schaffen. Nur so erreichen wir Versorgungsgerechtigkeit.
Was ist mit „gezielt“ gemeint?
Dies ist das Grundprinzip der sogenannten Präzisionsonkologie oder personalisierten Krebsmedizin. Hier haben wir in den letzten Jahren sehr viel erreicht und das Überleben vieler Betroffener deutlich verlängert. Die Präzisionsonkologie ist mittlerweile in unserem Versorgungsalltag angekommen und hat ihn deutlich verändert: Weg von der Chemotherapie hin zur gezielten Therapie für jeden Einzelnen. Neben zielgerichteten Medikamenten gehören zur Präzisionsonkologie auch die Immuntherapien, wie die CAR-T Zelltherapie dazu. Andere Immuntherapien haben bereits die Behandlung einer bestimmten Art von Darmkrebs revolutioniert. Man kann schon heute einen Darmkrebs nur durch eine Immuntherapie – ohne Chemotherapie, Strahlentherapie oder OP – vollständig zum Verschwinden bringen. Die Patienten brauchen dann beispielsweise keinen künstlichen Darmausgang, was einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität haben kann.
Gezielt heißt zugleich: Wir müssen Wege finden, wie wir Ressourcen gezielt einsetzen, Personal entlasten und Kosten sparen.
Ich selbst bin seit über 30 Jahren in der Onkologie und habe es noch nie bereut.
Hier schließt sich die Zukunftsfähigkeit an?
Darunter verstehen wir vor allem die Förderung der nächsten Generation. Noch nie war ein Krebskongress so stark auf die kommende Generation ausgerichtet mit einem gezielten Fortbildungsprogramm für junge Kolleginnen und Kollegen, mit Stipendien, speziellen Formate wie dem Shadow Guide-Prinzip, speed dating für Studierende, bei dem sich die einzelnen Fächer vorgestellt haben, einem eigenen Studierenden-Tag, Workshops zu Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Frauen in Führungsrollen. Letztlich werden unsere Anstrengungen in Forschung und Versorgung verpuffen, wenn wir es nicht schaffen, die nächste Generation für unser Fach, unser Gebiet zu begeistern.
Ist das eine schwierige Aufgabe?
Aus meiner Sicht gar nicht schwer. Ich selbst bin seit über 30 Jahren in der Onkologie und habe es noch nie bereut und würde das Fach immer wieder wählen. Kein Fach entwickelt sich so dynamisch, gleichzeitig ist der stete interdisziplinäre Austausch im Team sehr bereichernd, und nicht zuletzt gibt es kaum ein Gebiet, bei dem man so nah bei den Menschen ist und die Betroffenen so eng begleiten kann. Dieses Menschen-zugewandte ist ein sehr wichtiger und attraktiver Aspekt unseres Faches.
Allerdings müssen wir ein Arbeitsumfeld schaffen, das langfristig gesund hält. Dies ist auch in unserem eigenen Interesse. Und eben kein Zugeständnis, sondern eine Investition.
Gibt es neue Forschungsergebnisse und Entwicklungen, die Sie persönlich besonders überrascht und begeistert haben?
Ja, zwei Entwicklungen haben mich in diesem Jahr besonders beeindruckt:
Zum einen Immuntherapeutische Ansätze wie Adaptive Zelltherapien jenseits von CAR-T-Zellen und mRNA-Impfungen. Es gab erstmals klinische Daten zu adaptiven Therapieformen, die nicht nur auf T-Zellen, sondern auch auf andere Zelltypen abzielen. Diese Ansätze könnten insbesondere für solide Tumoren einen Durchbruch bedeuten, wo frühere Zelltherapien nur begrenzt wirksam waren. Auch zu den individualisierten mRNA-Therapien, die man unter „Krebsimpfungen“ kennt, gibt es immer mehr interessante Daten. Wir selbst führen bei uns an der Klinik eine Studie zu einer individualisierten mRNA-Therapie beim Pankreaskarzinom durch, die in frühen Studien sehr gute Ergebnisse geliefert hat.
Der Einsatz von KI braucht klare Leitplanken.
Zum anderen der Einsatz von KI in der Diagnostik und Therapieplanung. Die Fortschritte, wie KI-Modelle Bildgebung, Genomdaten und klinische Parameter verknüpfen, haben mich begeistert. Diese Algorithmen helfen nicht nur bei der Früherkennung, sondern unterstützen Ärztinnen und Ärzte konkret bei Therapieentscheidungen – und machen so einen deutlichen Schritt in Richtung personalisierte Medizin im klinischen Alltag.
Gleichzeitig braucht der Einsatz von KI klare Leitplanken: Transparenz, menschliche Kontrolle, faire Datenbasen und ethische Regeln. Natürlich ersetzt kein Algorithmus ärztliche Erfahrung oder Empathie. Aber KI kann gezielt entlasten – für mehr face-time mit den Betroffenen und weniger Zeit am Bildschirm.
Beide Entwicklungen sind nicht nur akademisch spannend, sondern haben das Potenzial, die Behandlung vieler Patientengruppen nachhaltig zu verbessern.
Und mit Blick auf die Zukunft: Gibt es konkrete Fortschritte oder Trends, die Patienten Hoffnung geben können?
Auf jeden Fall. Drei Trends sehe ich besonders hoffnungsvoll:
Erstens: Früherkennung wird immer wichtiger und gezielter. Heute wissen wir, dass wir bis zu 40 Prozent aller Tumoren allein durch einen gesunden Lebensstil vermeiden können. Immer mehr Anstrengung wird daher richtigerweise auf die Prävention und Früherkennung gelegt. Noch in diesem Frühjahr startet das Lungenkrebsscreening für Menschen mit Raucheranamnese. So werden wir Tumoren früher erkennen und dann auch besser heilen können. Eine gezielte Früherkennung sollte darüber hinaus bei Menschen mit einer erblichen Belastung für Tumoren wie Familiärem Brust- und Eierstockkrebs oder erblichem Darmkrebs eingesetzt werden. Hierfür müssen wir die Personen aber erst einmal erkennen. Strukturen hierfür sollten weiter ausgebaut werden.
All diese Entwicklungen geben mir persönlich große Hoffnung.
Zweitens: Personalisierte Therapiekonzepte im Sinne der Präzisionsonkologie setzen sich durch. Die zunehmende Verknüpfung von Molekulardiagnostik mit zielgerichteten Therapieoptionen führt dazu, dass Patientinnen und Patienten künftig noch personalisierter und zielgerichteter behandelt werden können. Das reduziert Nebenwirkungen und erhöht die Chance auf ein langanhaltendes Ansprechen. Hierzu zählen auch die neuartigen Immuntherapien, unter anderem die bispezifischen Antikörper. Auch mit Kombinationen aus verschiedenen Substanzen werden wir eine immer bessere Wirksamkeit sehen.
Und drittens: Die interdisziplinäre Versorgung stärkt Lebensqualität. Es ist ein deutlicher Trend, onkologische Therapie nicht isoliert, sondern als integralen Bestandteil ganzheitlicher Versorgung zu sehen. Psychoonkologie, Ernährungsberatung, Sozialmedizin und digitale Unterstützung werden zunehmend Teil der Standardbehandlung – und steigern nachweislich die Lebensqualität und teilweise auch die Outcomes. Vor allem in den zertifizierten Zentren wird diese Interdisziplinarität und Multiprofessionalität zusammen mit den therapeutischen Fächern täglich gelebt und verbessert das Überleben unserer Patientinnen und Patienten.
All diese Entwicklungen geben mir persönlich große Hoffnung: Nicht, weil wir Krebs schon „besiegt“ hätten – aber weil wir heute besser verstehen, wie wir ihn diagnostizieren, therapieren und begleiten können als je zuvor.