Dr. Achim Dilling ist seit Januar 2026 Kanzler der Ruhr-Universität Bochum.
Interview
„Die ganze Region brummt wie ein Bienenkorb“
Achim Dilling ist seit 2026 neuer Kanzler der RUB. Nach 100 Tagen im Amt zieht er eine erste Bilanz und spricht über die weitere Entwicklung der Universität.
Herr Dilling, 100 Tage im Amt. Zeit für einen persönlichen Blick auf den Start: Wie waren die ersten drei Monate für Sie als neuer Kanzler der RUB?
Intensiv, aber vor allem inspirierend. Die RUB ist eine Universität mit enormer Energie und Dynamik – das habe ich vom ersten Tag an gespürt. Das bezieht sich sowohl auf die Menschen hier als auch auf die Diversität. Ich habe eine Universität kennengelernt, die groß denkt, viel kann und den klaren Willen hat, Zukunft zu gestalten. Gleichzeitig ging es natürlich darum, schnell in die Themen einzusteigen – in Strukturen, Prozesse und nicht zuletzt in die finanziellen Rahmenbedingungen. Mein erstes Fazit lautet: Die RUB hat enormes Potenzial – und die Entschlossenheit, es zu heben.
Was schätzen Sie an der RUB besonders?
Die Mischung aus Offenheit, Energie und Professionalität. Ich mag die Mentalität und die Klarheit, die die Leute in der Begegnung an den Tag legen. Hier arbeiten Menschen mit hoher fachlicher Kompetenz und großem Engagement – aber ohne diese Verbissenheit, die man woanders manchmal erlebt. Das schafft eine Atmosphäre, in der man gestalten kann. Und ich habe das Gefühl, diese ganze Region brummt wie ein Bienenkorb und will wirklich was voranbringen. Das ist tatsächlich das, was mich gecatcht hat.
Andererseits ist da noch Luft nach oben. Ich finde, dass die Region an vielen Stellen mutiger sein kann, selbstbewusst aufzutreten und zu sagen: Guckt mal, was wir zu bieten haben!
Es gibt kein anderes Bundesland, in dem Universitäten so viel dürfen wie hier.
Wenn Sie Ihre vorherige Wirkungsstätte, die Universität Passau, mit der RUB vergleichen – wo sehen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede?
Gemeinsam ist beiden Universitäten der Anspruch auf Qualität, wissenschaftliche Exzellenz und eine starke Identifikation der Menschen mit „ihrer“ Universität.
Unterschiedlich sind vor allem Dimension und Kontext: Die RUB ist als größte Campusuniversität des Landes in einer ganz anderen Größenordnung unterwegs – organisatorisch wie infrastrukturell.
Und: NRW bietet mit seinem Hochschulrecht sehr weitgehende Gestaltungsspielräume. Diese Freiheit ist ein großer Vorteil – sie eröffnet Möglichkeiten, die ich als ausgesprochen reizvoll empfinde. Das Land NRW hat das innovativste Hochschulrecht in Deutschland. Es gibt kein anderes Bundesland, in dem Universitäten so viel dürfen wie hier. Die Steuerung von Hochschulen hängt ganz stark am hochschulrechtlichen Rahmen – und das war tatsächlich auch mit ein Grund für meinen Wechsel von Passau nach Bochum.
Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Eindruck von der RUB? Hat sich dieser bestätigt?
Ich war von Anfang an beeindruckt von der Größe und den Dimensionen – und ehrlich gesagt auch ein wenig gefordert, mich zu orientieren.
Was sich bestätigt hat, ist die besondere Mischung aus Gestaltungswillen, Professionalität und Gelassenheit.
Was sich verändert hat: Ich verlaufe mich inzwischen deutlich seltener.
In Ihrer noch kurzen Amtszeit haben Sie mit der Fakultätenkonferenz Plus ein neues Format für den Austausch zum Bürokratierückbau geschaffen. Verwaltungsvereinfachung ist für Sie mehr als ein Projekt – eher eine Herzensangelegenheit?
Ja, absolut. Universitäten sind Wahrheit und Erkenntnis verpflichtet. Sie haben damit letztlich auch den Auftrag, das Leben der Menschen zu verbessern – das Leben als Gesellschaft, sei es in technisch-naturwissenschaftlicher, ethischer oder medizinischer Hinsicht. Das ist etwas Positives und in die Zukunft Gerichtetes. Damit das gelingt, müssen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren können. Dafür braucht es eine Verwaltung, die zuhört, unterstützt und ermöglicht – nicht bremst. Das ist anspruchsvoll, manchmal auch anstrengend. Aber es ist notwendig – und vor allem sinnvoll.
Fakultätenkonferenz Plus
Wie geht es mit der Fakultätenkonferenz Plus weiter? Was sind die nächsten Schritte?
Wir werden das Thema strukturiert weiterentwickeln. Ein zentraler Baustein ist das geplante Service-Board gemeinsam mit Jörg Bogumil – als Ort, an dem Wissenschaft und Verwaltung gemeinsam Lösungen entwickeln. Ich bin sehr dankbar, dass Jörg Bogumil das macht, er ist ja einer der führenden Experten in Verwaltungswissenschaften.
Es geht zunächst darum, dieses Service-Board mit den geeigneten Personen aus Verwaltung und aus dem Wissenschaftsbereich einzurichten und sich da auf strukturelle Diskussionen zu konzentrieren. An vielen Stellen sind die Diskussionen sehr partikular, bisweilen auch zu partikular und pro domo ausgerichtet. Wir müssen stärker aus der Gesamtperspektive denken und weniger aus einzelnen Silos heraus argumentieren.
Vereinfachung, Vertrauen und eine konstruktive Fehlerkultur müssen Teil unseres Selbstverständnisses werden.
Zudem wird es ein entsprechendes Format für die Beschäftigten in Technik und Verwaltung geben – denn Verwaltungsvereinfachung gelingt nur gemeinsam. Dabei ist mir die kulturelle Dimension genauso wichtig wie die strukturelle: Vereinfachung, Vertrauen und eine konstruktive Fehlerkultur müssen Teil unseres Selbstverständnisses werden.
Welche weiteren strategischen Ziele sehen Sie für die RUB?
Ein zentrales Thema ist die Unterstützung der Exzellenzstrategie – hier geht es um nichts weniger als die zukünftige Positionierung der RUB im internationalen Wettbewerb.
Ein zweites Feld ist Resilienz. Wir leben in einer Zeit permanenter Krisen und Umbrüche. Resilienz heißt für mich nicht „Augen zu und durch“, sondern bewusst gestaltete Arbeitsbedingungen, die Leistungsfähigkeit und Achtsamkeit miteinander verbinden. Das ist eine klare Führungsaufgabe.
Drittens: Digitalisierung – insbesondere im Verbund. Viele Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam lösen, beispielsweise mit Blick auf die Rechenkapazitäten, die wir künftig brauchen.
Und schließlich: die Potenziale der Universitätsallianz Ruhr konsequent nutzen. Da sind wir dabei, auch auf Verwaltungsebene verschiedene Dinge zusammenzuführen. Das geht in unterschiedliche Richtungen – zum einen das Aufgabenportfolio und sein Handlungsumfeld zu erweitern, beispielsweise über Weiterbildungsaktivitäten, zum anderen eine effizientere Gestaltung von Prozessen.
Schönwetterkanzler kann jeder.
Sie starten mit der Notwendigkeit zu Einsparungen und mit schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen. Hätten Sie sich andere Voraussetzungen gewünscht?
(lacht) Schönwetterkanzler kann jeder.
Es geht immer darum, unter den gegebenen Bedingungen Zukunft zu gestalten. Für die Verwaltung heißt das: Prozesse verbessern, Digitalisierung vorantreiben. Für die Wissenschaft: strategisch klug investieren – etwa mit Blick auf die Exzellenzstrategie. Herausforderungen gehören dazu. Entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht.
Wie sehen Sie die RUB finanziell aufgestellt?
Kurz gesagt: aktuell stabil, aber unter Druck. Das gilt nicht nur für die RUB, sondern für das gesamte System. Die Ursachen liegen vor allem in externen Entwicklungen – von der Pandemie über geopolitische Krisen bis hin zu steigenden Kosten. Diese Effekte schlagen zeitversetzt auf die öffentlichen Haushalte und damit auch auf die Hochschulen durch.
Unsere Aufgabe ist es, unter diesen Bedingungen finanzielle Stabilität zu sichern und gleichzeitig Zukunft zu ermöglichen. Wir sind unter den forschungsstärksten Universitäten Nummer acht in Deutschland. Das ist ja ein Riesenpfund: 180 Millionen Euro Drittmittel, enorme Wachstumsraten in diesem Bereich, 48 Millionen Euro jährliche Mittel für die Research Alliance Ruhr, verstetigt im Grundhaushalt der drei UA-Ruhr-Universitäten. Das ist doch ein klares Commitment der Landesregierung.
Wenn sich jetzt die Spielregeln ändern und sozusagen mehr diskretionär in Forschung investiert wird, ist das für ein so gut aufgestelltes Haus wie die RUB keine schlechte Sache. Ja, da darf man an der Stelle zuversichtlich nach vorne schauen. Gleichwohl sehen wir uns bei den Themen Liquidität und Erfolgslage unter Druck. Haben wir also in der Grundfinanzierung ein Thema? Ja, definitiv.
Man merkt, dass insbesondere die Grundfinanzierungen unter Druck geraten.
Wie beurteilen Sie die Hochschulfinanzierung in NRW im Vergleich zu Bayern?
Die finanzielle Eintrübung ist ein bundesweites Phänomen. Man merkt, dass insbesondere die Grundfinanzierungen unter Druck geraten. In solchen Phasen geht es darum, zwischen Wünschenswertem und Notwendigem zu unterscheiden.
Ich sehe einen klaren Trend weg von pauschaler Verteilung hin zu stärker prioritätenorientierter Finanzierung. In NRW ist der Umgang damit aus meiner Sicht gut gelungen – insbesondere durch den dialogorientierten Prozess zwischen Hochschulen und Ministerium.
Gleichzeitig wird gezielt in Spitzenforschung investiert. Die RUB ist hier sehr gut positioniert – nicht zuletzt durch die Stärkung der UA Ruhr. Das schafft eine hervorragende Ausgangslage für die Exzellenzstrategie.
Bitte vervollständigen Sie zum Schluss diese Sätze:
Meine Freizeit verbringe ich …
… gern im Stadion beim Fußball, beim Laufen oder Kraftsport – und als Ausgleich auch beim Lesen oder im Schauspielhaus.
In zehn Jahren ist die RUB…
…eine international sichtbare, exzellente Volluniversität mit einer zuhörenden, dienstleistungsorientierten und digitalen Verwaltung – und ein zentraler Motor des Strukturwandels in der Ruhr-Region.
Mein Lieblingsort an der RUB ist…
…der Chinesische Garten.
Und Bochum ist für mich…
…divers, energiegeladen und überraschend.