Von Dnipro ins Ruhrgebiet: Olga Matveieva forscht an den Universitäten in Bochum und Dortmund.

© RUB, Marquard

Internationalisierung

„Ich fühle mich nun an drei Orten zu Hause“

Die Ukrainerin Olga Matveieva kam 2022 mit einem Stipendium der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung an die Ruhr-Universität; im November 2025 beendete sie ihre Habilitation an der TU Dortmund.

Olga Matveievas Heimat liegt in Dnipro im Osten der Ukraine. Sie ist associate professor an der Technischen Universität Dnipro. Der Krieg zwang Matveieva 2022 zur Flucht nach Estland. An der Universität von Tartu absolvierte sie einen Forschungsaufenthalt. Zu Beginn der Invasion bewarb sich die Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Gender Studies zudem erfolgreich um ein Stipendium der Philipp Schwartz-Initiative (PSI) für gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Prof. Dr. Katja Sabisch, Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum, wurde auf ihre Bewerbung und ihr Forschungsprojekt aufmerksam und wurde schließlich ihre Mentorin. 

Von Dnipro über Tartu nach Bochum

Im Anschluss an das PSI-Stipendium am Bochumer Marie Jahoda Center for International Gender Studies wurde Matveieva dazu eingeladen, als DAAD-Gastprofessorin in Bochum zu bleiben. Während der Zeit ergab sich zudem die Möglichkeit zur Habilitation an der Fakultät für Sozialwissenschaften der TU Dortmund. Heute, vier Jahre später, betrachtet die Ukrainerin Bochum als ihr zweites zu Hause. Im Interview erzählt sie von ihrer Forschung und von den Menschen, die sie hier im Ruhrgebiet so herzlich willkommen geheißen und zum Bleiben bewegt haben.

Frau Matveieva, Glückwunsch zur bestandenen Habilitation! Wie freuen uns, dass Sie den Weg zu uns ins Ruhrgebiet gefunden haben. 
Vielen Dank! Ich liebe diese Gegend. Sie erinnert mich sehr an meine Heimatregion Dnipro aus der Vorkriegszeit. Dnipro ist eine ehemalige Bergbauregion und eines der bedeutendsten Industriezentren der Ukraine. Die Atmosphäre hier im Ruhrgebiet ist ähnlich postindustriell, daher fühle ich mich hier sehr wohl. Ich liebe die Natur, die direkt hinter den Toren der Universität beginnt.

Was gefällt Ihnen hier besonders?
Die Menschen hier. Die mir von Tag eins an jede Art von Unterstützung zukommen ließen, mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. 

Ich fühle mich so privilegiert, Teil dieses sehr klugen und sensiblen Netzwerks einfach unglaublicher Menschen sein zu dürfen. Alle setzen sich mit so viel Engagement und Herzblut für ihre Forschung ein.

Ich fühle mich so privilegiert, Teil dieses sehr klugen und sensiblen Netzwerks einfach unglaublicher Menschen sein zu dürfen. Alle setzen sich mit so viel Engagement und Herzblut für ihre Forschung ein, um unsere Zukunft nachhaltig besser zu machen. Ich bin wirklich dankbar für diese Erfahrung. Außerdem freue ich mich, durch mein Engagement in beiden Ländern kontinuierlich einen Beitrag zur Entwicklung in der Ukraine zu leisten und dabei Synergieeffekte zu erzielen.

Haben Sie einen Lieblingsort auf dem Campus?
Natürlich liebe ich stille Orte wie mein Büro, aber ich mag auch die Mensa. Für mich ist sie der Ort, um sich ungezwungen zu treffen, zu vernetzen und informell Ideen auszutauschen. Einige unserer gemeinsamen Initiativen sind dort entstanden; aus einigen sind Buchkapitel und Konferenzbeiträge hervorgegangen, haben sich Projekte entwickelt.

Welche Fragen treiben Ihre Forschung an?
Der Krieg in der Ukraine hat mich dazu veranlasst, mich mit den sozio-politischen Transformationsprozessen in von Krisen gezeichneten Regionen Europas auseinanderzusetzen. Ich habe die soziale Mobilisierung in der Ukraine studiert oder auch den Zusammenhang zwischen Geschlechtsidentität, krisenorientierter Einheit und gesellschaftlicher Transformation analysiert. 

Wie können wir dazu beitragen, uns wirksam für die Gemeinschaft einzusetzen?

Die Fragen, die mich dabei umtrieben: Wie können wir als Bürgerinnen und Bürger einen Staat unterstützen, der unter Druck steht, verwundbar ist und mit begrenzten Ressourcen kämpft? Welche Rolle können wir einnehmen, um nicht nur Nutzer staatlicher Leistungen, Sicherheit und Ordnung zu sein, sondern wie können wir dazu beitragen, uns wirksam für die Gemeinschaft einsetzen? Wie können wir uns so organisieren, dass wir uns gegenseitig ergänzen, ohne einander zu stören?

Was haben Sie konkret untersucht?
Gemeinsam mit Kolleg*innen habe ich zum Beispiel ehrenamtlich geführte Spendenkampagnen in der Ukraine während des Krieges untersucht. Unsere Studie konnte dabei nicht nur zeigen, wie erfolgreich diese Initiativen finanzielle Mittel mobilisieren, sondern auch wie sie soziale Kohäsion und demokratische Beteiligung stärken. 

Wenn Menschen in schwierigen Zeiten zusammenarbeiten, hilft das nicht nur, Probleme zu lösen, sondern stärkt auch die Demokratie.

Wenn Menschen in schwierigen Zeiten zusammenarbeiten und gestalten, hilft das nicht nur, Probleme zu lösen, sondern stärkt auch die Demokratie. Sie finden gemeinsam Lösungen und organisieren sich selbst, wobei sie oft innovative Ansätze entwickeln, die das System der öffentlichen Dienstleistungen ergänzen. Wir konnten zeigen, welche entscheidende Rolle die Technologie dabei spielt, da sie die Inklusion fördert und den unterrepräsentierten Gruppen mehr Gehör verschafft. Das macht die Demokratie stärker gegen äußere Bedrohungen.

Wie sind Sie methodisch vorgegangen?
Um zu erfassen, wie zivilgesellschaftliche Initiativen in Krisengebieten entstehen, haben wir länderübergreifend – in der Ukraine, Belarus und Moldau – Umfragen und halbstrukturierte Interviews mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Kommunalregierungen geführt. 

Wie kann man sich in Krisenzeiten besser vernetzen?

Wir fragten: Was kann praktisch und theoretisch getan werden, um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren untereinander nachhaltig zu verbessern? Wie kann man sich in Krisenzeiten besser vernetzen? Ich selbst leite eine ukrainische NGO – Ukrainian Expert Foundation – die über die neusten Entwicklungen in der Ukraine informiert, die Politik berät, eng mit Universitäten und Behörden zusammenarbeitet. So hatte ich bereits Kontakte zu lokalen Behörden, wie etwa dem Stadtrat von Dnipro oder dem Regionalrat. 

Was nehmen Sie aus diesen Umfragen für sich mit?
Ich habe Einblicke in die Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Regierung gewonnen. Mein Eindruck ist, dass in der Ukraine – wie in vielen anderen Ländern auch – zahlreiche zivilgesellschaftliche Stimmen ungehört und unsichtbar bleiben, weil es an wirksamen formellen Kommunikations- und Austauschkanälen zwischen Behörden, Universitäten und zivilgesellschaftlichen Organisationen mangelt oder diese gänzlich fehlen. Dieser Mangel führt zu einer Kluft zwischen ihnen.

Wie erklären Sie sich das?
Wir sprechen hier von einer hoch emotional-aufgeladenen und polarisierten Situation. Der Krieg dauert an und wir alle wollen ihn beenden. Doch es gibt nur wenige, die ganz praktisch dazu beitragen. Etwas das Militär. Dies schafft eine Trennung zwischen denen, die handeln, und denen, die beobachten. 

Nicht jede Art von Hilfe wird gleich wahrgenommen.

Nicht jede Art von Hilfe wird gleich wahrgenommen. Oberstes Ziel der Regierung ist es, die Leute im Land zu halten. Ich frage mich: Wie können wir uns nicht voneinander entfremden? Wie können wir alle Individuen und Einrichtungen effektiv einbinden und ihre Anstrengungen nachhaltig verankern? 

Was sind Ihre nächsten Schritte?
Ich trete eine Gastprofessur an der Universität in Paderborn an, aber bleibe in Bochum wohnen. Als ich anfing, über den Umzug wegen des neuen Jobs nachzudenken, wurde mir schnell klar, dass ich die Menschen hier vermissen werde. In den letzten Jahren habe ich tatsächlich viele soziale Kontakte geknüpft und habe nun so viele Freunde hier. 

Ich fühle mich in Bochum zu Hause.

Meine Tochter ist gut integriert, geht hier gerne zur Schule. Ich fühle mich in Bochum zu Hause. Ich habe die ganze Zeit gehofft, dass der Krieg endet und ich die Chance bekomme, in die Ukraine zurückzukehren. Doch die Realität ist nun mal viel komplizierter. Und jetzt bin ich froh, zwei oder sogar drei Orte zu haben, die ich mein zu Hause nennen darf. 

Die Philipp Schwartz-Initiative

2015 haben die Alexander von Humboldt-Stiftung und das Auswärtige Amt die Philipp Schwartz-Initiative ins Leben gerufen. Mithilfe dieses Programms können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in ihren Herkunftsländern erheblicher und anhaltender persönlicher Gefährdung ausgesetzt sind, ihre Arbeit an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen fortsetzen.
Weitere Infos: https://www.humboldt-foundation.de/bewerben/foerderprogramme/philipp-schwartz-initiative

Unterstützung für gefährdete Forschende im Ruhr Innovation Lab

Das Ruhr Innovation Lab setzt sich für die akademische Freiheit ein und unterstützt gefährdete Studierende und Forschende durch die „Academy in Exile“ an der Technischen Universität Dortmund, die „University Without Borders“ an der Ruhr-Universität Bochum sowie das „Scholars at Risk Network“ und das „New University in Exile Consortium“. Durch diese Initiativen fördert das Ruhr Innovation Lab ein inklusives Umfeld, das gefährdeten Studierenden und Forschende die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten, und setzt sich gleichzeitig aktiv für akademische Freiheit, Menschenrechte und demokratische Werte ein.
Weitere Informationen: https://international.ruhr-uni-bochum.de/de/angebote-fuer-gefaehrdete-wissenschaftlerinnen

Veröffentlicht

Mittwoch
01. April 2026
09:53 Uhr

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