Ekrem Dere ist Professor am Bochumer Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit.
Neue Theorie
Warum manche Menschen häufiger mental in die Zukunft reisen als andere
Laut der Theorie eines Bochumer Forschers können mentale Zeitreisen das Belohnungssystem aktivieren – und sich so selbst verstärken.
Um die Konsequenzen von möglichen Handlungen vorherzusehen, hilft es, sich mental in die Zukunft zu versetzen und sich das kommende Szenario im Kopf auszumalen. Manche Menschen tun das häufiger als andere. Zu den Gründen hat Prof. Dr. Ekrem Dere von der Ruhr-Universität Bochum und der Sorbonne Université in Paris eine neue Theorie entwickelt. Er geht davon aus, dass mentale Zeitreisen das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren und sich die Verhaltensweise somit selbst verstärkt. Den Ansatz beschreibt er in der Zeitschrift „Psychological Review“, online veröffentlicht am 6. April 2026.
„Der Vorteil von zukunftsorientierten mentalen Zeitreisen liegt auf der Hand“, sagt Ekrem Dere vom Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität. „Sie ermöglichen es, im Alltag erfolgreicher und weniger gestresst zu sein, weil die Zukunft vorhersehbarer und damit planbarer wird.“ Trotzdem könne man auch fragen, warum Menschen Zeit in diese anspruchsvolle kognitive Aufgabe investieren, die nicht unmittelbar belohnt wird und keine Erfolgsgarantie hat.
Mentales Zeitreisen folgt universellem Lernprinzip
Als Antwort hat Ekrem Dere die Selbstverstärkungshypothese der zukunftsorientierten mentalen Zeitreise formuliert. Er geht davon aus, dass das zukunftsorientierte mentale Zeitreisen einem universellen Lernprinzip folgt, der operanten Konditionierung. Das Prinzip besagt, dass Verhalten, das belohnt oder bestraft wird, künftig häufiger beziehungsweise seltener auftritt.
Deres Theorie: Wenn eine zukunftsorientierte mentale Zeitreise zur Lösung eines Problems im sozialen oder beruflichen Kontext erfolgsversprechend erscheint, wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Das bewirkt zum einen, dass der Handlungsplan im Gedächtnis bleibt, bis er umgesetzt ist. Zum anderen sorgt es dafür, dass das Verhalten verstärkt wird und in Zukunft häufiger auftritt.
Diese Theorie sollte sich laut Ekrem Dere mit funktionaler Magnetresonanztomorgrafie überprüfen lassen: Menschen, die häufiger mental in die Zukunft reisen, müssten ein reaktiveres Belohnungssystem besitzen, also ein reaktiveres mesolimbisches Dopaminsystem.
Mentale Zeitreisen können krankheitserhaltend wirken
„Im psychopathologischen Kontext kann die kognitive Funktion der mentalen Zeitreise auch durch krankheitserhaltende Prozesse vereinnahmt werden“, sagt Ekrem Dere. So könne es etwa zu Grübeleien über vergangene negative Erfahrungen und deren Projektion in die Zukunft kommen. Diese katastrophisierenden Zukunftsprojektionen rufen negative Emotionen hervor, fördern ein negatives Selbstbild und lösen ein maladaptives Sicherheits- und Vermeidungsverhalten aus. So kann eine psychische Störung chronisch werden. „Deshalb wäre es wichtig, konstruktive und adaptive zukunftsorientierte mentale Zeitreisen psychotherapeutisch zu trainieren und katastrophisierende Zukunftsprojektionen zu erkennen und abzustellen“, folgert der Wissenschaftler.