Prof. Dr. Sigrid Elsenbruch, Professorin für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum, Mitglied der Medizinische Fakultät am Universitätsklinikum Essen und Teilprojektleiterin in zwei Sonderforschungsbereichen. 

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Medizinische Psychologie

Störungen der Darm-Hirn-Achse besser verstehen und behandeln

Ein neues Standardwerk gibt klinisch tätigen Behandelnden Hinweise für die ganzheitliche Therapie von Erkrankungen wie Reizdarmsyndrom, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt erstmalig Informationen und Leitlinien für Fachkräfte, die Patient*innen mit Störungen der Darm-Hirn-Achse betreuen, und fasst evidenzbasierte psychosoziale Ansätze für Erwachsene und für den pädiatrischen Bereich zusammen. Erstautorin des am 20. Februar 2026 in der Zeitschrift "Gastroenterology" erschienenen Beitrags ist Prof. Dr. Sigrid Elsenbruch, die sowohl an der Ruhr-Universität Bochum wie an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen im Rahmen der Sonderforschungsbereiche „Extinction Learning“ und „Treatment Expectation“ wissenschaftlich arbeitet.

Reizdarmsyndrom, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Dyspepsie oder kurz zusammengefasst funktionelle Magendarmerkrankungen – die Liste der durch eine gestörte Darm-Hirn-Achse verursachten Beschwerden ist lang. Millionen Menschen sind betroffen. Zwischen Gehirn und Eingeweiden besteht eine direkte Verbindung, die sogenannte Darm-Hirn-Achse, und entlang dieser Achse läuft ein wichtiges Kommunikationsnetzwerk in beide Richtungen. Die Erkenntnisse über die wechselseitigen Einflüsse biologischer und psychosozialer Faktoren auf die Darmphysiologie, die Mechanismen des Gehirns sowie die belegten Erwartungseffekte haben in den vergangenen Jahren die Forschung, Diagnostik und Therapie maßgeblich beeinflusst.

Moderne ganzheitliche Versorgung

„Das neue Standardwerk bietet eine fundierte und praxisnahe Orientierung, um die komplexe Darm-Hirn-Interaktion besser zu verstehen und gezielt in die Patientenversorgung zu integrieren. Es richtet sich ausdrücklich an Klinikerinnen und Kliniker aller Fachdisziplinen und nicht nur an die Gastroenterologie“, erklärt die Psychologin Sigrid Elsenbruch, Professorin für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum, Mitglied der Medizinische Fakultät am Universitätsklinikum Essen und Teilprojektleiterin in zwei Sonderforschungsbereichen. Sie gibt auch Empfehlungen für Ausbildungsprogramme von Fachkräften im Bereich der psychosozialen Versorgung bei „Disorders of Gut-Brain Interactions“ (DGBI).

„Es werden zentrale Strategien zur Diagnostik beschrieben, darunter gezielte Fragen für Patientengespräche sowie Hinweise zur Interpretation der Antworten, gefolgt von empirisch gestützten psychosozialen Behandlungsansätzen, die sowohl in integrierten als auch in eigenständigen Versorgungskontexten eingesetzt werden können“, beschreibt Elsenbruch den praktischen Nutzen der Publikation. Sie will ein integratives Krankheitsverständnis vermitteln, das für die moderne Versorgung essenziell ist und eine differenzierte, ganzheitliche Betreuung von Patientinnen und Patienten unterstützt.

Angst und Stress

Besonders hervorzuheben ist, dass psychologische und verhaltensmedizinische Perspektiven – insbesondere moderne Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie – nun auf Basis eines mechanistischen Gesamtverständnisses in dem Beitrag und dem zeitgleich erschienenen Buch zentral integriert sind. Als Erstautorin freut sich Elsenbruch, die grundlagenwissenschaftliche Perspektive zur Entstehung und Modulation viszeraler Schmerzen einzubringen, mit einem Fokus auf Furcht-, Stress- und Angstprozesse sowie Lern- und Gedächtnismechanismen. Die Arbeiten in den DFG-geförderten Forschungsverbünden Sonderforschungsbereich 1280 („Extinction Learning“, Ruhr-Universität Bochum) und Transregio 289 („Treatment Expectation“, Universität Duisburg-Essen) haben hierfür eine wesentliche mechanistische und konzeptionelle Grundlage geschaffen. „Dass diese Beiträge nun in einem solchen internationalen Kontext sichtbar werden, ist für mich und mein Team von besonderer Bedeutung.“

Neues Standardwerk

Der Beitrag stellt ein umfassendes, evidenzbasiertes Referenzwerk für die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Störungen der Darm-Hirn-Interaktion dar und ist Teil der aktuellen Arbeiten der Rome Foundation, einer unabhängigen gemeinnützigen Organisation, die sich der Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Störungen widmet. Mit der Veröffentlichung in Gastroenterology – dem offiziellen Fachjournal der American Gastroenterological Association, einer der weltweit führenden Publikationen der Inneren Medizin, ist der internationale Stellenwert dokumentiert. Die Publikation dürfte sich als neues Standardwerk in diesem Fachgebiet etablieren.

Originalveröffentlichung

Sigrid Elsenbruch, Sarah Ballou, Laurie Keefer, Tasha Murphy, Lukas Oudenhove, Miranda Van Tilburg, Dipesh Vasant, Rona Levy: Biopsychosocial Aspects of Adult and Pediatric Disorders of Gut–Brain Interaction, in: Gastroenterology, 2026, DOI: 10.1053/j.gastro.2026.02.009

Pressekontakt

Prof. Dr. Sigrid Elsenbruch
Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie 
Zentrum für Medizinische Psychologie und Translationale Neurowissenschaften
Ruhr-Universität Bochum
Medizinische Fakultät
Tel.: +49 234 32 27286 
E-Mail: sigrid.elsenbruch@ruhr-uni-bochum.de

Hintergrund

Was macht der Sonderforschungsbereich SFB 289 „Treatment Expectation“?

Der überregionale, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Sonderforschungsbereich (SFB/Transregio 289) „Treatment Expectation“ untersucht seit dem Jahr 2020 mit einem interdisziplinären Team an den Universitäten Duisburg-Essen, Marburg und Hamburg den Einfluss der Erwartung von Patient*innen auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen. Deutschland nimmt international eine Spitzenposition in der Erforschung von Placebo- und Noceboeffekten ein. Im Mai 2024 hat der SFB rund 15 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für eine weitere vierjährige Förderphase eingeworben. Das Ziel des interdisziplinären Verbunds ist, die äußerst komplexen Mechanismen von Erwartungseffekten von der molekularen bis zur systemischen Ebene mit modernsten wissenschaftlichen Methoden zu entschlüsseln, psychologische und neurobiologische Unterschiede zwischen einzelnen Patient*innen und Erkrankungen so exakt wie möglich zu verstehen und zu prüfen, wie diese Effekte etablierte pharmakologische und andere Behandlungsansätze optimieren können. Hierzu arbeitet ein Team von etwa 100 exzellenten Forschenden aus den Bereichen Medizin, Psychologie und Neurowissenschaften zusammen. Ziel der Forschung ist es, bestehende Medikamente verträglicher zu machen, ihre Wirksamkeit zu steigern und ihre Nebenwirkungen zu verringern, indem man die Effekte positiver Erwartung nutzt. 

Was macht der SFB 1280 „Extinktionslernen“? 

Der Sonderforschungsbereich 1280 untersucht die neuralen, behavioralen, edukativen, ontogenetischen und klinischen Mechanismen des Extinktionslernens bei verschiedenen Spezies inklusive beim Menschen. Hierbei wird die systemische und technische Diversität unserer Forschungsansätze kombiniert mit einem hohen Grad an Einheitlichkeit auf der strukturellen, der experimentellen, der technischen und der konzeptuellen Ebene. Auf der strukturellen Ebene konzentrieren sich alle neurobiologischen und klinischen Projekte auf eine Anzahl anatomischer Strukturen, die das Extinktions-Netzwerk konstituieren. Extinktionslernen beinhaltet sowohl ein Vergessen alter Information als auch einen neuen Lernprozess, der sich vom Ersterwerb unterscheidet und erheblich komplexer ist. Die Erfahrung aus dem initialen Lernprozess wird durch das Extinktionslernen nicht einfach gelöscht. Vielmehr kann diese vermeintlich nicht mehr vorhandene Gedächtnisspur unter bestimmten Bedingungen erneut auftauchen und zur Teilkomponente einer psychopathologischen Bedingung werden.

Rome Foundation und die Rome V Veröffentlichung

Eine zentrale Aufgabe der Rome Foundation ist die kontinuierliche Aktualisierung medizinischer Erkenntnisse zu Störungen der Darm-Hirn-Interaktion (DGBI) sowie der diagnostischen Rome-Kriterien. Seit der ersten Veröffentlichung (Rome I, 1994) werden diese Leitlinien regelmäßig überarbeitet. Aktuell arbeitet die Stiftung an Rome V, dessen Abschluss jetzt im Jahr 2026 mit der Publikation der Bücher, Artikel (Druck und Online) abgeschlossen wird.

Die Entwicklung erfolgt auf Basis aktueller wissenschaftlicher Evidenz und eines strukturierten Konsensverfahrens (Delphi-Methode). Insgesamt sind 144 Expertinnen und Experten aus 27 Ländern beteiligt. Die Auswahl der Vorsitzenden, Co-Vorsitzenden, darunter Prof. Dr. Sigrid Elsenbruch, und Mitglieder erfolgt nach klar definierten Kriterien, darunter wissenschaftliche Exzellenz (Publikationen und Drittmittel), internationale Anerkennung, Diversität sowie die Fähigkeit zur konsensorientierten Zusammenarbeit.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren entstanden begutachtete (peer-reviewed) Publikationen, darunter umfassende Lehrwerke, spezialisierte Ausgaben (zum Beispiel für Pädiatrie und Primärversorgung), diagnostische Algorithmen und Therapie-Leitfäden. Ergänzend werden alle Inhalte auch in digitalen Formaten bereitgestellt und bestehende Softwarelösungen der Stiftung entsprechend aktualisiert.

Veröffentlicht

Mittwoch
29. April 2026
11:13 Uhr

Von

Gaby Miketta

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