Die Forschung zeigt immer wieder, dass unsere Erinnerungen nicht ganz so belastbar sind, wie wir glauben.
Interdisziplinäre Gedächtnisforschung
Erlebt oder nur erinnert?
Wie, wann und wo erinnern wir uns an wirklich Erlebtes – das wollen Bochumer Philosophen und Neurowissenschaftler im Schulterschluss ergründen.
Erinnern Sie sich noch an Ihren achtzehnten Geburtstag? Was gab es zu essen? Zu welchem Song haben Sie getanzt? Wer war eingeladen? Und: Sind Sie sich da ganz sicher? Forschungserkenntnisse belegen immer wieder, dass unsere Erinnerungen nicht ganz so verlässlich sind, wie wir häufig denken. Vielleicht basieren auch Ihre Erinnerungen an den Achtzehnten auf Erzählungen oder Fotos. Und womöglich gab es genau in dem Jahr mal ausnahmsweise nicht Ihren geliebten Apfelkuchen.
Wie schaffen wir es, uns an vergangene Erfahrungen zu erinnern? Und wie verlässlich ist unser Gedächtnis? Diese Fragen beschäftigen die Menschheit seit der Antike. Und sie sind auch aktiver Forschungsgegenstand an der Ruhr-Universität. Seit 2010 arbeiten der Neuroinformatiker Prof. Dr. Sen Cheng und der Philosoph Prof. Dr. Markus Werning fächerübergreifend zusammen, um den Mechanismen unseres Gedächtnisses auf die Schliche zu kommen.
Langjährige Kooperation
Langjährige Kooperation
„Seit der Antike herrscht die Vorstellung vor, dass unser Gedächtnis wie ein Informationsspeicher funktioniert, der im Moment des Erlebens eine Erfahrung abspeichert, die man später jederzeit hervorholen kann“, erklärt Sen Cheng. Die Metapher des Speichers habe sich im Lauf der Zeit mit den technischen Standards verändert: „Die antiken Denker stellten sich unser Gedächtnis noch wie ein Wachstableau vor, in das mit einer Nadel Informationen, sprich Erinnerungen, imprägniert wurden“, erzählt Cheng. Heute würden viele annehmen, dass das Gehirn wie eine Festplatte funktioniere. „Dieses Speichermodell, also die Idee, dass unser Gehirn wie ein Computer Dateien speichert, stimmt aus kognitionspsychologischer Sicht jedoch nicht“, weiß Cheng. Unser Gehirn, die beiden Forscher sprechen gezielt vom episodischen Gedächtnis, sei weder präzise noch verlässlich. „Obwohl wir das meinen und viele häufig sogar darauf schwören würden“, so Cheng.
Episodisches Gedächtnis
Episodisches Gedächtnis
Dass das Speichermodell nicht funktioniert, hat die Forschung schon vielfach bewiesen. Etwa im Falle sogenannter flash bulb memories. Das sind Erinnerungen, die man formt, wenn man etwas besonders Emotionales erlebt. Typische Beispiele sind der Anschlag auf das World Trade Center oder das Challenger-Unglück. „Die Annahme war damals, dass sich solche Geschehnisse wie ein Blitz in unser Gedächtnis einbrennen. Man hat aber vielfach in Studien zeigen können, dass dem nicht so ist“, weiß Cheng. Dazu hat man zum Beispiel Menschen direkt nach dem 11. September und ein Jahr später befragt. Das Ergebnis: Die Befragten erinnerten sich ein Jahr später schon ganz anders an den Tag.
Seit 2010 arbeiten der Neuroinformatiker Prof. Dr. Sen Cheng (rechts) und der Philosoph Prof. Dr. Markus Werning (links) zusammen, um den Mechanismen unseres Gedächtnisses auf die Schliche zu kommen.
Was dichten wir bewusst oder unbewusst hinzu? Wo beginnt die Erinnerung, und wo unsere Vorstellung? Diese Frage beschäftigt auch Philosophen wie Markus Werning. In der Philosophie ist die Gedächtnisforschung eine vergleichsweise junge Forschungstradition. Begründet wurde sie von Charles Martin und Max Deutscher, die 1966 ein Gedankenexperiment entwickelten, um den Unterschied zwischen Gedächtnis und Imagination herauszustellen. Es wurde als „Painter Case“ vielfach zitiert. Worum geht es? „Stellen Sie sich einen Maler vor, der den Auftrag bekommt, einen Garten zu malen“, beginnt Werning. Der Maler denkt, dass er einen Fantasiegarten malt. Dann stellt sich jedoch heraus, dass der Garten eine große Ähnlichkeit mit einem Garten aufweist, den er als Kind gesehen hat. „Dieses Phänomen findet sich zuhauf in der Kunstgeschichte“, weiß Werning.
Hat van Gogh von Hokusai geklaut?
Aktuell würden Kunsthistoriker diskutieren, ob Vincent van Gogh sich im Jahre 1889 beim Malen des berühmten Bildes „Sternennacht“ bewusst oder unbewusst von Katsushika Hokusais ikonischem Farbholzschnitt „Die große Welle von Kanagawa“ (1830-1836) inspirieren ließ. Beide Werke teilen die auffällige Form des Wirbels und die Farbgebung in Blautönen. „Man weiß, dass japanische Künstler um 1800 für den Blockholzdruck den Farbstoff Preußisch Blau aus Europa importierten“, so Werning. Van Gogh galt später als Bewunderer der japanischen Kunst und war mit den Werken Hokusais vertraut. Kannte er auch konkret dieses Bild? Hat er die Idee bewusst geklaut? Oder hat sich die Erinnerung an das Bild unbewusst in sein Gedächtnis geschlichen?
Unser Gedächtnis eignet sich fortwährend neue Elemente an. Wir machen Vieles aufgrund von Erlebtem, ohne dass wir uns bewusst an die Erlebnisse erinnern.
„Wir können natürlich nicht wissen, ob das eine bewusste oder und unbewusste Aneignung war. Es ist wichtig herauszustellen, dass die Möglichkeit besteht, dass er nicht bewusst geklaut hat. Da gibt uns die Gedächtnisforschung recht“, so Cheng. „Unser Gedächtnis eignet sich fortwährend neue Elemente an. Wir machen Vieles aufgrund von Erlebtem, ohne dass wir uns bewusst an die Erlebnisse erinnern“, ergänzt Werning. „Dinge, die wir nur gehört haben, Taten, die wir nur beobachtet haben – später erinnern wir, dass wir das selbst gesagt oder gemacht haben. Es ist also nicht weit davon entfernt, dass jemand ein Bild malt und denkt, er habe sich das ausgedacht“, schließt Cheng.
Erlebt oder nur vorgelesen?
Der Forscher spricht aus eigener Erfahrung. Als seine Töchter klein waren, las er ihnen häufig die Geschichte eines Bären vor, der mit seinem Bärenkind zum Zahnarzt ging. Jahre später gab Cheng die Geschichte als seine eigene, erlebte Erfahrung aus. Seine Töchter berichtigten ihn: „Das hast du nicht erlebt, Papa, das hast du uns vorgelesen.“ „Ich habe mir die Geschichte selbst angeeignet“, gibt er lachend zu. Ein typisches Beispiel einer false memory. „In dem Moment, als ich das erzählte, war ich felsenfest davon überzeugt, dass das tatsächlich passiert ist.“
Cheng und Werning haben gemeinsam eine Theorie – das sogenannte Szenariokonstruktionsmodell – entwickelt, nach der Erinnerungen sowohl Details der spezifischen Erfahrung als auch semantischen Informationen enthalten.
Cheng und Werning arbeiten zusammen an einer Erklärung für diese und andere false memories. Ihre Theorie – ihr Szenariokonstruktionsmodell – widerspricht dabei radikal dem eingangs erwähnten Speichermodell beziehungsweise der klassischen Kausaltheorie der Philosophen Martin und Deutscher, nach der es eine Art kausale Kette zwischen einem gespeicherten Erlebnis und der Erinnerung gibt, also der Gedächtnisspur, die später abgerufen wird.
Unsere Idee ist, dass eine episodische Erinnerung immer eine Konstruktion eines Szenarios beinhaltet.
„Unsere Idee ist, dass eine episodische Erinnerung immer eine Konstruktion eines Szenarios beinhaltet. Das Szenario speist sich dabei aus der episodischen Gedächtnisspur, also Details dieser spezifischen Erfahrung, und semantischen Informationen“, erklärt Cheng. Mit semantischen Informationen seien generische Informationen, statistische Wahrscheinlichkeiten, Weltwissen gemeint. „Wir argumentieren, dass unser Gehirn nicht Abbilder der Realität abspeichert, sondern im Hippocampus nur ganz winzige Informationsfragmente, neuronale Spuren hinterlässt und diese dann mit unseren semantischen Informationen, die im Neocortex gespeichert sind, kombiniert“, ergänzt Werning.
Wo erinnern wir?
Wo erinnern wir?
Doch woran erkennen wir nun, ob eine Erinnerung auf einem wahren Erlebnis oder auf semantischen Informationen und Wahrscheinlichkeiten beruht? Wie decken wir false memories auf? Cheng und Kollegen haben dazu Virtual-Reality-Experimente mit Probanden durchgeführt. Darin durchlaufen die Versuchspersonen virtuell eine Wohnung mit drei Räumen: Bad, Wohnzimmer, Küche. Im Badezimmer steht ein Toaster. Nachdem die Personen die Umgebung durchlaufen haben, werden sie befragt. In circa 35 Prozent der Fälle erinnerten sich die Probanden an den Toaster im Bad. Und zwar aufgrund ihres episodischen Gedächtnisses und nicht aufgrund semantischer Informationen oder Ratens“, so Cheng. Warum er sich da so sicher ist? „Diejenigen, die sich falsch erinnerten, tippten in ungefähr gleich vielen Fällen auf die Küche, also den Ort, wo man den Toaster für gewöhnlich vorfinden würde, und nur selten auf das Wohnzimmer.
Von Aliens entführt
Von Aliens entführt
Dieses virtuelle Experiment wollen Cheng und Werning künftig zur Beantwortung weiterer Forschungsfragen nutzen. Zum Beispiel: Inwiefern unterscheiden sich die Erinnerungen von jüngeren und älteren Menschen? Wer ist mehr oder weniger empfänglich für die Fallstricke unseres Geistes? Wie wirkt sich Stress auf unser Erinnerungsvermögen aus?
„Unsere Studien deuten darauf hin, dass der Szenariokonstruktionsprozess tatsächlich durch das Alter und auch durch Stress beeinflusst wird“, so Werning. „Unsere Theorie ist, dass ältere Menschen mehr auf semantische Informationen zurückgreifen, um sich an Ereignisse zu erinnern oder auch Entscheidungen zu treffen. Jüngere hingegen erinnern sich besser an episodische Details und treffen Entscheidungen basierend auf diesen Erinnerungen“, fasst Cheng zusammen. Auch Stress wirke sich vermutlich stark auf unser Erinnerungsvermögen aus. „Unsere Annahme ist, dass Stress dazu führt, dass man stärker statistische Muster und Wahrscheinlichkeiten abruft, als selbst erlebte, spezifische Erkenntnisse heranzuziehen“, erklärt Werning. „Stressige Situationen führen vermutlich dazu, dass man beim Erinnern limitiert ist und eher schematisch handelt. Das wollen wir weiter untersuchen“, so Cheng.
Die Ergebnisse könnten weitreichende Folgen haben für Menschen, die beruflich unter Druck Entscheidungen treffen oder Aussagen tätigen müssen, etwa Ärztinnen, Pilotinnen oder eben auch Zeuginnen in Gerichtsverfahren. Gerade bei Zeugenaussagen sei Vorsicht geboten, wissen die Forscher. So sei bereits in Vorgängerstudien gezeigt worden, dass Zeugen, die unter Druck standen, sich häufig falsch erinnerten. „In einem Fall ging es um einen bewaffneten Überfall in den USA. Der Zeuge erinnerte, dass der Dieb eine Pistole trug. In Wirklichkeit zeigte die Überwachungskamera aber einen Baseballschläger. Die Waffe schien dem Zeugen wahrscheinlicher. Ein klarer Fall von semantischer Konstruktion“, schildert Werning. Längst widerlegt sei auch die Annahme, dass detailreiche Schilderungen von Zeugen besonders glaubhaft und damit wahr seien. „Auch jemand, der Schematisches abruft, kann sehr detailgetreu berichten. Das ist nicht weniger detailliert als eine echte episodische Erinnerung“, so Cheng. „Unser Gehirn greift auf gigantische Ressourcen zurück“, bekräftigt Werning. Erinnern ist und bleibt nach ihrer Auffassung ein konstruktiver Prozess. Die Bochumer bleiben ihm auf der Spur.