Ein Spaziergang hebt die Stimmung bei den meisten Menschen.
Sport und Psyche
Wie körperliche Aktivität mit Wohlbefinden im Alltag zusammenhängt
Spazieren, Treppensteigen, Hausarbeit: Eine Metastudie zeigt, wie Alltagsbewegung mit unserer Stimmung im täglichen Leben assoziiert ist.
Bewegung tut gut – das ist allgemein bekannt. Dennoch sind viele Menschen im Alltag zu wenig körperlich aktiv. Da das Wissen um die positiven Auswirkungen von Bewegung offenbar nicht genügt, um Verhaltensänderungen zu initiieren, rücken zunehmend Stimmungs- und Emotionsfaktoren in den Fokus der Wissenschaft. Forschende der Ruhr-Universität Bochum, der Paris-Lodron Universität Salzburg (PLUS), des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim (ZI) haben Datensätze von mehr als 8.000 Personen analysiert, um zu untersuchen, wie körperliche Aktivität mit guter Stimmung und positiven Emotionen zusammenhängt. Ergebnis: Bei den meisten Menschen steigt die Stimmung durch Bewegung im Alltag. Gleichzeitig sind Menschen körperlich aktiver, wenn sie sich gerade besser fühlen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ vom 6. Mai 2026 veröffentlicht.
Smartphone und Co. messen Bewegung im Alltag
„Dass sich körperliche Aktivität positiv auf das Wohlbefinden auswirkt, ist schon lange bekannt – allerdings früher nur aus Labor- und querschnittlichen Studien“, berichtet Prof. Dr. Markus Reichert (PLUS, Ruhr-Universität Bochum, ZI), der das Projekt koordinierte. Seit einigen Jahren werde der Zusammenhang auch in Studien untersucht, die körperliche Aktivität und Wohlbefinden unter natürlichen Alltagsbedingungen untersuchen. Das gelingt mithilfe von Smartphones und ähnlichen Systemen. Dadurch können Alltagsaktivitäten wie Spazierengehen, Treppensteigen und Hausarbeiten erforscht werden. Zudem lässt sich zwischen Zusammenhängen innerhalb einer Person („wenn ich mich mehr bewege, geht es mir besser“) und zwischen Personen („wenn ich mich mehr bewege als andere, geht es mir besser als anderen“) unterscheiden.
Die Ergebnisse aus den Studien seien aber unklar und teilweise sogar widersprüchlich gewesen, so Markus Reichert. „Uns war es wichtig, die Ergebnisse zusammenzufassen – auch, um die Größe der Zusammenhänge für verschiedene Aspekte des affektiven Wohlbefindens wie positive und negative Gefühle, Energiegeladenheit und Wachheit, Ruhe und Gelassenheit, einschätzen zu können und gegebenenfalls Unterschiede zwischen Personen zu identifizieren“, erklärt Johanna Rehder (RUB, PLUS, ZI), Doktorandin und Erstautorin der Veröffentlichung.
Gute Gefühle vor und nach körperlicher Aktivität
„Diese Synthese einer großen Menge von Forschungsdaten aus dem Alltag erforderte innovative und komplexe Metaanalysetechniken“, ergänzt Dr. Julian Packheiser (Ruhr-Universität Bochum). Bei diesen Analysen der Kernforschungsgruppe, zu der auch Dr. Marco Giurgiu, Dr. Irina Timm (beide KIT) und Dr. Gesa Berretz (Ruhr-Universität Bochum und Radboud University) gehören, stellte sich heraus, dass das affektive Wohlbefinden allgemein einen positiven Zusammenhang mit vorausgegangener und nachfolgender körperlicher Aktivität aufweist. Lediglich Ruhe/Gelassenheit zeigte einen negativen Zusammenhang mit körperlicher Aktivität. Das heißt, Personen waren vor beziehungsweise nach körperlicher Alltagsaktivität weniger ruhig und entspannt, als wenn sie sich nicht bewegten.
Personen mit niedrigem Wohlbefinden profitieren besonders
Gleichzeitig legten die Analysen offen, dass sich die Zusammenhänge von körperlicher Aktivität und affektivem Wohlbefinden zwischen Personen stark unterscheiden. Während der Großteil der untersuchten Personen eine bessere Stimmung bei körperlicher Aktivität aufwies, zeigten manche vor oder nach körperlicher Aktivität eine verringerte Stimmung. Am konsistentesten waren die Ergebnisse für Energiegeladenheit als Form des affektiven Wohlbefindens: Mehr als 95 Prozent der analysierten Personen fühlten sich vor oder nach körperlicher Aktivität energiegeladener.
„Unsere Studie zeigt zudem, dass Personen mit niedrigem Wohlbefinden besonders stark von körperlicher Aktivität profitieren“, sagt Prof. Dr. Onur Güntürkün (Ruhr-Universität Bochum), was das Potenzial von Bewegung im Alltag für psychisch vulnerable Gruppen unterstreicht. „Es ist jetzt unsere Aufgabe für die kommenden Jahre, weitere personenbezogene und Kontext-Faktoren zu identifizieren, die die Unterschiede in den Zusammenhängen erklären können“, so Markus Reichert. Auch lasse sich aus den Daten nicht auf eine Kausalität der Zusammenhänge schließen. Diese müsse zum Beispiel durch Interventionsstudien im Alltag von Personen überprüft werden. Nur so lasse sich das volle Potenzial der Zusammenhänge von körperlicher Aktivität und affektivem Wohlbefinden für gesundheitsfördernde Interventionen in der Versorgung nutzen.
Größte Analyse zu Stimmung und Bewegung im Alltag