Simon Ebbinghaus und Harshita Rastogi (links) haben sich mit der Funktion von Enzymen unter verschiedenen Bedigungen beschäftigt.
Chemie
Robuste Enzyme
Ihre Nachbarschaft hat großen Einfluss darauf, wie Enzyme arbeiten. Nicht nur die Größe benachbarter Moleküle, sondern auch ihre chemischen Eigenschaften sind entscheidend.
Zellen müssen trotz wechselnder Bedingungen Energie produzieren. Doch was sorgt dafür, dass Stoffwechselenzyme bei Temperaturschwankungen funktionsfähig bleiben? Ein Team unter der Leitung von Prof. Dr. Simon Ebbinghaus und Dr. Harshita Rastogi an der Ruhr-Universität Bochum und am Forschungszentrum für Chemische Wissenschaften und Nachhaltigkeit hat diese Frage anhand der Phosphofructokinase-1-Isoform der Blutplättchen (PFKP) untersucht, einem zentralen Enzym im Glukosestoffwechsel. Sie fanden heraus, dass der thermische Schutz weniger von der Größe der umgebenden Moleküle abhängt als vielmehr von den subtilen chemischen Wechselwirkungen zwischen ihnen. Sie können darüber entscheiden, wie gut das Enzym bei steigenden Temperaturen aktiv bleibt. Das Team berichtet in der Zeitschrift Angewandte Chemie international Edition vom 8. Oktober 2026.
Eine überfüllte Welt im Inneren der Zellen
Enzyme sind molekulare Maschinen, die die biochemischen Reaktionen des Lebens antreiben. PFKP steuert einen entscheidenden Schritt der Glykolyse, dem Stoffwechselweg, über den Zellen Glukose in Energie und molekulare Bausteine umwandeln. Enzyme funktionieren nicht isoliert: Im Inneren der Zellen sind sie von Proteinen, Zuckern und vielen anderen Molekülen umgeben. „Diese molekulare Umgebung verändert sich, wenn Zellen unter Stress stehen, ihren Stoffwechsel umorganisieren oder vorübergehende Enzymkomplexe bilden“, erklärt Simon Ebbinghaus. „Eine zentrale Frage war daher offen: Kommt es vor allem auf den begrenzten Raum um ein Enzym herum an, oder ist die chemische Beschaffenheit seiner Nachbarn ebenso wichtig?“
Es geht um mehr als nur die Größe
Die Forschenden untersuchten PFKP in kontrollierten Lösungen, die Moleküle unterschiedlicher Größe und chemischer Eigenschaften enthielten, welche die Enzymumgebung verdichteten. Sie maßen, wie sich die Enzymaktivität mit der Temperatur veränderte, bewerteten die strukturelle Stabilität des Enzyms und nutzten Molekularsimulationen, um Wechselwirkungen zu untersuchen, die in Experimenten nicht direkt beobachtet werden können.
Ergebnis: In allen beengten Umgebungen war die PFKP-Aktivität bei niedrigeren Temperaturen verringert. „Bei höheren Temperaturen zeigten die Ergebnisse jedoch einen auffälligen Unterschied“, berichtet Harshita Rastogi: „Moleküle auf Zuckerbasis, darunter Glukose und Dextran, ein Glukosepolymer, trugen dazu bei, dass PFKP seine Aktivität über einen breiteren Temperaturbereich beibehielt.“ Da Glukose und das wesentlich größere Dextran ähnliche Effekte zeigten, ließ sich das Ergebnis nicht allein durch die Molekülgröße erklären. Stattdessen weisen die Ergebnisse auf die Bedeutung chemischer Wechselwirkungen hin: schwache, reversible Kontakte zwischen den umgebenden Molekülen, dem Enzym und seinen Substraten. Die Simulationen zeigten, dass diese Moleküle Bereiche in der Nähe des aktiven Zentrums des Enzyms beeinflussen können. Das wirkt sich sowohl auf die Flexibilität des Enzyms als auch auf die Positionierung des Substrats aus.
Ein Hinweis auf den Stoffwechsel unter Stress
Ein Enzym muss flexibel genug sein, um seine Reaktion zu katalysieren und gleichzeitig seine Substrate in der richtigen Position zu halten. Zuckerhaltige Umgebungen scheinen dieses Gleichgewicht zu regulieren und machen PFKP bei erhöhten Temperaturen robuster. Das Enzym wird nicht einfach nur vor dem Entfalten geschützt; seine Dynamik und sein katalytisches Verhalten werden durch seine lokale Umgebung geprägt.
Die Studie legt nahe, dass zelluläre Überfüllung nicht nur physikalisch wirkt: „Die chemische Zusammensetzung der umgebenden Moleküle könnte aktiv beeinflussen, wie Stoffwechselenzyme auf Stress reagieren“, so Simon Ebbinghaus. Zukünftige Forschungen müssen klären, ob Zellen solche lokalen chemischen Umgebungen nutzen, um ihre Stoffwechselaktivität unter schwierigen Bedingungen aufrechtzuerhalten.