Inhaltsverzeichnis
- Warum diese Studie wichtig ist
- Klimawandel als gesellschaftliches Handlungsproblem
- Pluralistische Ignoranz
- Was bisher über Fehleinschätzungen beim Klimaschutz bekannt war
- Was ist an der Studie neu?
- Die Stichproben: Wer wurde untersucht?
- Die wissenschaftliche Qualität der Studie
- Wichtige wissenschaftliche Literatur
Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Text das generische Maskulinum verwendet. Es sind stets alle Geschlechter mitgemeint (z.B. Politiker:innen; Entscheidungsträger:innen; Bürger:innen etc.).
- Warum diese Studie wichtig ist
Die Bekämpfung des Klimawandels zählt zu den größten politischen Herausforderungen unserer Zeit. Zwar zeigen zahlreiche Studien, dass viele Menschen Klimaschutz grundsätzlich unterstützen, doch wirksame Maßnahmen können nur dann umgesetzt werden, wenn politische Entscheidungsträger davon ausgehen, dass sie dafür ausreichend gesellschaftlichen Rückhalt erhalten. In demokratischen Gesellschaften orientieren sich Politiker nicht nur an ihren eigenen Überzeugungen, sondern auch daran, was sie für die Meinung ihrer Wähler halten. Umso wichtiger ist die Frage, wie genau Politiker die tatsächliche Unterstützung der Bevölkerung für Klimaschutz einschätzen. Überraschenderweise wurde diese Frage bislang nur selten untersucht. Die vorliegende Studie schließt diese Forschungslücke mit einer der bislang größten Befragungen politischer Entscheidungsträger zum Thema Klimaschutz.
- Klimawandel als gesellschaftliches Handlungsproblem
Aus wissenschaftlicher Sicht gilt der Klimawandel als klassisches kollektives Handlungsproblem. Zwar profitieren praktisch alle Menschen von einem stabilen Klima und einer intakten Umwelt, die Kosten von Klimaschutzmaßnahmen werden jedoch häufig unmittelbar wahrgenommen, während viele ihrer Vorteile erst langfristig sichtbar werden.
Deshalb reicht es nicht aus, dass einzelne Personen ihr Verhalten ändern. Erfolgreicher Klimaschutz erfordert auch gesellschaftliche Koordination, politische Führung und gemeinsame Regeln.
Forschende weisen seit langem darauf hin, dass besonders wirksame Maßnahmen – etwa gesetzliche Regulierungen, Investitionen in klimafreundliche Infrastruktur oder wirtschaftliche Anreize – in der Regel nur durch politische Entscheidungen umgesetzt werden können.
Die Einstellungen und Wahrnehmungen politischer Entscheidungsträger spielen daher eine zentrale Rolle für die Frage, welche Klimaschutzmaßnahmen vorgeschlagen, beschlossen und umgesetzt werden.
Wenn Politiker die Unterstützung der Bevölkerung für solche Maßnahmen systematisch unterschätzen, könnte dies wirksame Politik erschweren – selbst dann, wenn tatsächlich breite gesellschaftliche Zustimmung vorhanden ist.
- Pluralistische Ignoranz
Die Studie baut auf einem psychologischen Phänomen auf, das als pluralistische Ignoranz bezeichnet wird. Darunter versteht man Situationen, in denen Menschen die Einstellungen oder Überzeugungen anderer Menschen systematisch falsch einschätzen.
Typischerweise glauben Menschen, ihre eigene Meinung werde von deutlich weniger Personen geteilt, als tatsächlich der Fall ist. Mit anderen Worten: Eine Mehrheit kann eine bestimmte Position unterstützen, während viele Einzelne fälschlicherweise glauben, sie befänden sich mit ihrer Meinung in der Minderheit.
Pluralistische Ignoranz wurde in zahlreichen Bereichen nachgewiesen. Ein klassisches Beispiel ist die Studie von Prentice und Miller (1993) zu Alkoholkonsum unter Studierenden. Die Autoren zeigten, dass viele Studierende die Akzeptanz von Alkoholkonsum unter ihren Kommilitonen überschätzen. Obwohl viele selbst Vorbehalte gegenüber exzessivem Trinken hatten, glaubten sie fälschlicherweise, die meisten anderen würden dieses Verhalten befürworten.
Pluralistische Ignoranz ist nicht nur ein interessantes psychologisches Phänomen, sondern kann reale Konsequenzen haben. Wenn Menschen glauben, ihre Meinung werde von den meisten anderen nicht geteilt, äußern sie diese oft seltener, engagieren sich weniger und unterstützen politische Maßnahmen weniger aktiv. Dadurch kann der Eindruck entstehen, eine Position sei unpopulär, obwohl sie tatsächlich von einer Mehrheit getragen wird.
Die vorliegende Studie untersucht in großem Maßstab, ob eine solche Wahrnehmungslücke nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei politischen Entscheidungsträgern auftritt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Politiker die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen sogar noch stärker unterschätzen als die Bevölkerung selbst.
- Was bisher über Fehleinschätzungen beim Klimaschutz bekannt war
In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Studien gezeigt, dass Menschen die Einstellungen ihrer Mitbürger zum Klimawandel häufig falsch einschätzen. Insbesondere wird die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen regelmäßig unterschätzt.
Einige wichtige Beispiele sind:
Klima des Schweigens (Geiger & Swim, 2016): In dieser frühen Untersuchung zeigten die Autoren, dass viele Menschen ihre Sorge über den Klimawandel für weniger verbreitet halten, als sie tatsächlich ist. Diese Fehleinschätzung kann dazu führen, dass Menschen seltener über den Klimawandel sprechen und dadurch fälschlicherweise der Eindruck entsteht, das Thema sei für andere weniger wichtig.
Amerikaner unterschätzen die Unterstützung für Klimapolitik (Sparkman et al., 2022): In einer vielbeachteten Studie fanden die Autoren, dass Amerikaner die Unterstützung ihrer Mitbürger für Klimaschutzmaßnahmen teilweise um fast die Hälfte unterschätzen. Die Forscher sprachen von einer „falschen sozialen Realität“, die die öffentliche Debatte beeinflussen könnte.
Weltweite Unterstützung für Klimaschutz (Andre et al., 2024): Eine internationale Untersuchung mit rund 130.000 Teilnehmern aus 125 Ländern zeigte, dass Menschen weltweit die Bereitschaft ihrer Mitbürger unterschätzen, selbst finanzielle Beiträge zum Klimaschutz zu leisten. Tatsächlich wären deutlich mehr Menschen bereit, einen Teil ihres Einkommens für Klimaschutzmaßnahmen aufzuwenden, als allgemein angenommen wird.
Pluralistische Ignoranz in vielen Ländern (Geiger et al., 2025): In einer multinationalen Studie fanden die Autoren Hinweise auf pluralistische Ignoranz in zahlreichen Ländern. Menschen unterschätzten systematisch die Besorgnis anderer über den Klimawandel sowie deren Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Wahrnehmungsverzerrung kein lokales Phänomen, sondern weltweit verbreitet ist.
UN-Klimakonferenzteilnehmer unterschätzen öffentliche Unterstützung (Fang et al., 2025): Selbst Teilnehmer der Umweltversammlung der Vereinten Nationen unterschätzten die Bereitschaft der Bevölkerung, finanzielle Beiträge zum Klimaschutz zu leisten. Die Studie deutet darauf hin, dass Fehleinschätzungen nicht nur in der Allgemeinbevölkerung auftreten, sondern auch bei Personen, die sich beruflich intensiv mit Umwelt- und Klimafragen beschäftigen.
Zusammengenommen zeichnen diese Studien ein konsistentes Bild: Menschen unterschätzen häufig, wie viele andere Bürger den Klimawandel als ernstes Problem ansehen, wie stark die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen tatsächlich ist und wie viele Menschen bereit wären, selbst einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
- Was ist an der Studie neu?
Die meisten dieser Studien konzentrierten sich jedoch auf die Wahrnehmungen der allgemeinen Bevölkerung oder spezieller Expertengruppen. Deutlich weniger bekannt ist, wie politische Entscheidungsträger die öffentliche Meinung zum Klimaschutz einschätzen. Die Studie untersuchte nicht die persönlichen Einstellungen der Politiker zum Klimaschutz, sondern ihre Einschätzungen darüber, wie stark die Bevölkerung Klimaschutzmaßnahmen unterstützt.
Dabei ist diese Frage besonders wichtig. Politiker entscheiden über Gesetze, Regulierungen und Investitionen, die für den Klimaschutz von zentraler Bedeutung sind. Wenn politische Entscheidungsträger die Unterstützung der Bevölkerung systematisch unterschätzen, könnte dies die Umsetzung wirksamer Klimapolitik erschweren.
Zwar gab es bereits einzelne Untersuchungen in anderen Ländern, etwa in den USA oder Belgien. Nach Kenntnis der Autoren handelt es sich bei der vorliegenden Studie jedoch um die erste Untersuchung dieser Art in Deutschland und zugleich um eine der bislang größten Studien weltweit zu der Frage, wie politische Entscheidungsträger die Unterstützung der Bevölkerung für Klimaschutz einschätzen.
Mit rund 1.600 Teilnehmenden aus Bundestag, Landtagen sowie der Kommunalpolitik liefert die Studie erstmals ein umfassendes Bild darüber, wie politische Akteure in Deutschland die öffentliche Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen wahrnehmen.
- Die Stichproben: Wer wurde untersucht?
Um die Wahrnehmungen politischer Entscheidungsträger mit den tatsächlichen Einstellungen der Bevölkerung vergleichen zu können, kombinierten die Forschenden Daten aus einer großen politischen Stichprobe mit zwei unabhängigen repräsentativen Bevölkerungsstichproben.
Politische Stichprobe
Für die Studie wurden jene deutschen Politiker kontaktiert, deren dienstliche E-Mail-Adressen öffentlich zugänglich waren. Insgesamt wurden Einladungen zu einer kurzen Umfrage zu „Gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland“ an 6.074 politische Entscheidungsträger verschickt.
An der Studie nahmen schließlich 1.599 Politiker beziehungsweise politische Büros teil. Die Teilnehmenden stammten aus unterschiedlichen Ebenen des politischen Systems, darunter:
- Bundestag (5.8%)
- Landtage (20.8%)
- Kreistage (18.9%)
- Gemeinderäte (12.1%)
- Stadträte (10.3%)
Damit umfasst die Stichprobe politische Akteure aus allen Regionen Deutschlands sowie aus unterschiedlichen Parteien und politischen Ebenen.
Repräsentative Bevölkerungsstichproben
Die Einschätzungen der Politiker wurden anschließend mit den tatsächlichen Einstellungen der Bevölkerung verglichen.
Hierfür nutzten die Forschenden zwei unabhängige repräsentative Bevölkerungsstichproben:
- Eine deutschlandrepräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts Kantar mit 1.034 Teilnehmern.
- Eine zweite deutschlandrepräsentative Stichprobe aus der Gallup World Poll mit 1.000 Teilnehmern (Quelle: Sekundärdatenanalyse aus Andre et al. 2024).
Die Verwendung zweier unabhängiger Bevölkerungsstichproben erhöht die Aussagekraft der Ergebnisse erheblich. Beide Datensätze führten zu demselben grundlegenden Befund: Politiker unterschätzten die Unterstützung der Bevölkerung für Klimaschutzmaßnahmen deutlich.
- Die wissenschaftliche Qualität der Studie
Die Aussagekraft wissenschaftlicher Studien hängt nicht nur von ihren Ergebnissen ab, sondern auch von ihrer methodischen Qualität. Die vorliegende Untersuchung weist mehrere Merkmale auf, die in der empirischen Forschung als besondere Stärken gelten.
Große politische Stichprobe
Politische Entscheidungsträger gehören zu den am schwierigsten erreichbaren Bevölkerungsgruppen in der Sozialforschung. Für die Studie wurden mehr als 6.000 Politiker kontaktiert. Mit rund 1.600 Teilnehmern verfügt die Untersuchung über eine außergewöhnlich große politische Stichprobe und gehört zu den bislang größten Studien ihrer Art.
Repräsentative und unabhängige Vergleichsdaten
Die Einschätzungen der Politiker wurden mit den tatsächlichen Einstellungen der Bevölkerung verglichen. Hierfür nutzten die Forschenden zwei unabhängige deutschlandrepräsentative Bevölkerungsstichproben.
Die erste Stichprobe wurde vom internationalen Meinungsforschungsinstitut Kantar erhoben, einem der weltweit größten Anbieter von Markt- und Sozialforschung. Die zweite Stichprobe stammt aus der Gallup World Poll, einer international etablierten Bevölkerungsbefragung, die regelmäßig in zahlreichen Ländern durchgeführt wird und häufig von Wissenschaftlern, Regierungen und internationalen Organisationen genutzt wird.
Die Verwendung zweier unabhängiger repräsentativer Datensätze stellt eine besondere Stärke der Studie dar. In der Wissenschaft gelten Befunde als besonders belastbar, wenn sie sich in mehreren unabhängigen Stichproben zeigen.
Transparenz und Nachvollziehbarkeit
Die Studie wurde nach den Prinzipien der Open Science durchgeführt. Die Forschenden haben ihre Hypothesen und Analysen bereits vor der Auswertung der Daten öffentlich dokumentiert (Präregistrierung). Darüber hinaus sind die Datensätze, die Analysecodes, die verwendeten Forschungsmaterialien sowie frühere Versionen des Manuskripts öffentlich über das Open Science Framework (OSF) zugänglich.
Diese Transparenz ermöglicht es anderen Forschenden, die Ergebnisse unabhängig nachzuvollziehen, die Analysen zu überprüfen und die Studie bei Bedarf zu replizieren. Solche offenen Forschungspraktiken gelten heute als wichtiger Qualitätsstandard in der Wissenschaft.
Strenge statistische Analysen und Robustheitsprüfungen
Die Ergebnisse der Studie wurden mit verschiedenen statistischen Verfahren und zusätzlichen Kontrollanalysen überprüft.
Repräsentative Bevölkerungsdaten: Für die Bevölkerungsstichproben wurden die von Kantar und Gallup bereitgestellten Gewichtungsfaktoren verwendet, um eine möglichst repräsentative Abbildung der deutschen Bevölkerung sicherzustellen.
Kontrolle der Parteirepräsentativität: Zusätzliche Analysen berücksichtigten die tatsächlichen Parteistärken in Deutschland. Die zentralen Befunde blieben auch nach diesen Korrekturen unverändert bestehen.
Schutz vor Zufallsbefunden: Da mehrere statistische Vergleiche durchgeführt wurden, kontrollierten die Autoren für mögliche Zufallsergebnisse mithilfe des Benjamini-Yekutieli-Verfahrens, einer etablierten und besonders konservativen Methode zur Korrektur multipler Tests.
Umfangreiche Robustheitsanalysen: Die Ergebnisse wurden mit alternativen statistischen Modellen und zusätzlichen Kontrollanalysen überprüft. Die zentralen Befunde erwiesen sich dabei durchgängig als stabil.
Veröffentlichung im Peer-Review-Verfahren
Die Studie wurde in Communications Earth & Environment veröffentlicht, einem Fachjournal der Nature-Gruppe. Vor der Veröffentlichung wurde das Manuskript von unabhängigen Fachgutachtern geprüft und mehrfach überarbeitet. Dieses sogenannte Peer-Review-Verfahren dient dazu, die wissenschaftliche Qualität und Nachvollziehbarkeit von Forschungsarbeiten sicherzustellen.
- Wichtige wissenschaftliche Literatur
Die folgenden Publikationen bieten einen Überblick über die wissenschaftlichen Grundlagen der Studie sowie den aktuellen Forschungsstand zu pluralistischer Ignoranz, öffentlicher Meinung und Klimaschutz.
Andre, P., Boneva, T., Chopra, F., & Falk, A. (2024). Globally representative evidence on the actual and perceived support for climate action. Nature Climate Change, 14, 100–108.
Fang, X., Ettinger, J., & Innocenti, S. (2025). United Nations Environment Assembly attendees underestimate public willingness to contribute to climate action. Communications Earth & Environment, 6, 622.
Geiger, N., & Swim, J. K. (2016). Climate of silence: Pluralistic ignorance as a barrier to climate change discussion. Journal of Environmental Psychology, 47, 79–90.
Geiger, S. J., Köhler, J. K., Delabrida, Z. N., Garduño-Realivazquez, K. A., Haugestad, C. A., Imada, H., et al. (2025). What we think others think and do about climate change: A multicountry test of pluralistic ignorance and public-consensus messaging. Psychological Science. Advance online publication.
Grelle, S., & Hofmann, W. (2024). When and why do people accept public-policy interventions? An integrative public-policy-acceptance framework. Perspectives on Psychological Science, 19(1), 258–279.
Grelle, S., & Hofmann, W. (2025). The desire for governmental support as a motivational foundation of climate policy acceptance. Motivation Science. Advance online publication.
Mildenberger, M., & Tingley, D. (2019). Beliefs about climate beliefs: The importance of second-order opinions for climate politics. British Journal of Political Science, 49, 1279–1307.
Sparkman, G., Geiger, N., & Weber, E. U. (2022). Americans experience a false social reality by underestimating popular climate policy support by nearly half. Nature Communications, 13, Article 4779.
Walgrave, S., Jansen, A., Sevenans, J., Soontjens, K., Pilet, J. B., Brack, N., Reher, S., & Varone, F. (2023). Inaccurate politicians: Elected representatives’ estimations of public opinion in four countries. The Journal of Politics, 85(1), 209–222.
Walgrave, M., & Soontjens, K. (2025). Responsive nor responsible? Politicians’ climate change policy preferences and public opinion perceptions. Environmental Politics, 1–25. Advance online publication.