Symbol der Verbindung: Lange Zeit verhinderte Russland den Bau von Brücken über den Grenzfluss Amur. Seit 2022 gibt es unter anderem eine Brücke für den Autoverkehr zwischen Russland und China.

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Geschichte

„Die Grenze mit den krassesten Gegensätzen“

Die Hälfte der russisch-chinesischen Grenze wird durch den Fluss Amur gezogen. Erst seit wenigen Jahren führen zwei Brücken hinüber. Um von A nach B zu kommen, spielen sie keine große Rolle. Aber für etwas anderes.

Betrachtet man eine Weltkarte, bleibt der Blick schnell an ein paar Ländern haften, die aufgrund ihrer schieren Größe nicht zu übersehen sind. Russland nimmt mit Abstand den meisten Raum ein, China als viertgrößtes Land der Welt sticht ebenfalls heraus. Zwischen den beiden Riesenstaaten verläuft eine 4.000 Kilometer lange Grenze, die zur Hälfte durch den Fluss Amur gebildet wird. Kaum zu glauben ist, dass es bis 2022 keine einzige Brücke zwischen China und Russland über den Amur gab. Zum Vergleich: Die Donau verläuft nur über rund 1.000 Kilometer als Grenzfluss und besitzt laut der österreichischen Wasserstraßen-Gesellschaft „viadonau“ zwölf Brücken zwischen den Anrainerstaaten.

Doch seit einigen Jahren regt sich ein neuer Geist am Amur. Zwei Brücken verbinden die Nachbarländer mittlerweile. Wie sich Russland und China im Lauf der Jahrhunderte einander annäherten, wieder entflochten und nun erneut zusammenfinden, interessiert Prof. Dr. Sören Urbansky, Historiker und Osteuropa-Experte an der Ruhr-Universität Bochum. Sein Interesse an der Region reicht bis zu seinem Zivildienst zurück.

Zivildienst bei russischer Menschenrechtsorganisation

„Ich habe von 2000 bis 2001 meinen Zivi bei der Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau gemacht“, erzählt Sören Urbansky. „Dort war ich in der ambulanten Altenpflege tätig und habe unter anderem Exil-Russen betreut, die in China geboren waren – so entstand das Interesse an den beiden Ländern.“

An der Grenze trafen zwei komplett verschiedene Gesellschaften aufeinander.

— Sören Urbansky

Der Forscher verbrachte viel Zeit in Russland und in China, lernte beide Sprachen und überquerte die Grenze von dem einen in das andere Land – was ihm nachdrücklich in Erinnerung blieb. „Dort war einfach ein Zaun in der Steppe“, beschreibt er. „Auf der einen Seite lebten Menschen, die wir als europäisch lesen würden, auf der anderen Seite Menschen, die wir als asiatisch wahrnehmen würden. Auf der einen Seite wurden Kartoffeln gegessen, auf der anderen Reis. Da trafen zwei komplett verschiedene Gesellschaften aufeinander. Die russisch-chinesische Grenze ist für mich weltweit die Grenze mit den krassesten Gegensätzen.“

Wie die Grenze zwischen China und Russland entstand

Wie sich diese Grenze während der Jahrhunderte formte – politisch, ökonomisch und in den Köpfen der Menschen –, interessierte den Historiker. Er recherchierte mehrere Jahre vor Ort in Archiven, um die Geschichte der russisch-chinesischen Beziehungen in dieser Region aufzuarbeiten. „Die Gegensätze auf den beiden Seiten waren nicht immer so stark, wie ich sie auf meinen Reisen erlebt habe“, verrät er.

Sören Urbansky leitet an der Ruhr-Universität Bochum den Lehrstuhl Osteuropäische Geschichte.

© RUB, Marquard

China und Russland verbindet eine 400-jährige Beziehungsgeschichte. Die ersten Kontakte gab es im frühen 17. Jahrhundert, als sich sibirische Kosaken mit Erkundungskarawanen auf den Weg nach Peking machten. 1689 schlossen beide Länder einen Vertrag, in dem sie den Verlauf der Grenze festlegten. „De facto bedeutete das nicht viel“, weiß Sören Urbansky. „Der Grenzverlauf war zwar markiert, aber wurde nur schwach kontrolliert.“ Wenn jemand die Grenze überquerte, bekamen die wenigen Wächter des anderen Staates das selten mit.

Von der zollfreien Zone zur Grenzkontrolle

Wirklich kontrolliert wurde die Grenze erst ab dem späten 19. Jahrhundert, als eine Eisenbahnlinie entstand und sich die Zollgrenze an die Staatsgrenze verschob. „Steuerlich gesehen gehörte der russische Osten zuvor gar nicht zu Russland“, erklärt Sören Urbansky. „Es war zunächst eine zollfreie Zone, weil man dieses unwirtliche Gebiet schlicht nicht kontrollieren konnte.“

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Erst durch die geopolitischen Konflikte des 20. Jahrhunderts bildete sich eine harte Grenze zwischen Russland und China. Die Rivalitäten führten zu einer Militarisierung.

Das Ende der Nomadenvölker

„Bis vor 100 Jahren lebten im Grenzgebiet viele indigene Nomadenvölker, die sich weder als russisch noch als chinesisch verstanden. Im Sommer ließen sie ihr Vieh in Russland weiden, im Winter in China“, beschreibt Sören Urbansky. „Diese nomadischen Lebenswelten wurden durch die Konflikte im 20. Jahrhundert zerstört.“

Blick vom chinesischen auf das russische Ufer des Grenzflusses Argun, einem Nebenfluss des Amur. Die Aufnahmen zeigen die dünn besiedelte Grenzregion mit kleinen Dörfern auf beiden Seiten der Grenze.

© Sören Urbansky

In den 1930er-Jahren besetzte Japan den Nordosten Chinas, sodass fortan eine japanisch-sowjetische statt einer chinesisch-sowjetischen Grenze bestand. Die Sowjetunion fürchtete einen Angriff Japans damals genauso wie einen Angriff durch Hitler-Deutschland. Sie rüstete massiv militärisch auf und kontrollierte die Grenze fortan deutlich stärker. Dabei zerstörte sie gezielt die Strukturen der Grenzvölker, nahm den Nomaden das Vieh weg und vertrieb die Kosaken.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Volksrepublik China wurde aus der japanisch-sowjetischen Grenze wieder eine chinesisch-sowjetische Grenze. Die Beziehungen zwischen beiden Staaten waren anfangs gut, auch wenn die Grenzkontrollen blieben.

Massive Umsiedlungskampagnen

Schon in den späten 1950er-Jahren trübte sich die Stimmung. Ein neuer, zunächst ideologischer Konflikt entbrannte zwischen den beiden Ländern. Die Sowjetunion siedelte abertausende Menschen aus anderen Landesteilen im Grenzgebiet an; China tat es ihr gleich. „Die Menschen, die von da an auf beiden Seiten der Grenze lebten, hatten keinerlei Erinnerungen daran, wie es war, als die Grenze offen war“, berichtet Urbansky. „Sie hatten keinen Bezug zu ihrem Gegenüber, und so war es viel leichter, ein Feindbild in ihren Köpfen festzusetzen.“

Über 2.000 Kilometer verläuft der Amur an der Grenze zwischen China und Russland.

© Sören Urbansky

Eine Grenze, so erklärt es der Historiker, muss nicht nur militärisch, ökonomisch und im Sinne von politischen Regelungen durchgesetzt werden, sondern auch in den Köpfen der Menschen.

Geschürtes Misstrauen

Auch wenn sich China und Russland in der jüngeren Vergangenheit einander angenähert haben, ist das Misstrauen aufgrund der vergangenen Konflikte noch groß. „Teils wird es auch gezielt geschürt“, weiß Urbansky und gibt ein Beispiel: Der russische ferne Osten war ursprünglich chinesisch, bis Russland ihn Mitte des 19. Jahrhunderts annektierte. „Die Erzählungen, wie das geschah, sind in Russland und China sehr verschieden“, so der Bochumer Wissenschaftler. Während Russland die Annexion als friedliches Durchdringen eines leeren Gebiets in seinen Museen und Geschichtsbüchern beschreibt, spricht China von einem „ungleichen Vertrag“, einem Akt russischen Imperialismus und im Zuge des Boxeraufstands im Jahr 1900 einem Massaker an mehreren tausend Chinesen.

Im Grunde ist das ein analoger Algorithmus, so wie wenn Länder bestimmten Content in den Sozialen Medien blocken

— Sören Urbansky

In China erinnert heute ein Museum nahe der Grenze an die Annexion und Gewalterfahrungen der Grenzbewohner. Russen haben hier keinen Zutritt. „In Russland wird das Thema tabuisiert“, sagt Sören Urbansky. „Und da China seine Beziehungen zu Russland nicht gefährden möchte, verwehrt es Russen den Zugang, damit sie in China nichts Negatives über ihre eigene Geschichte erfahren. Im Grunde ist das ein analoger Algorithmus, so wie wenn Länder bestimmten Content in den Sozialen Medien blocken.“

Tourismus und Sprachförderung

An anderen Stellen kann man jedoch eine Annäherung von China und Russland beobachten. Beide Länder fördern in der Grenzregion massiv den Unterricht in der jeweils anderen Landessprache, und der Tourismus zieht an. „Trotzdem bleiben die Grenzgesellschaften hinter ihren Potenzialen zurück“, sagt Urbansky. Es gebe kaum chinesisch-russische Ehen, keine gemeinsamen Schulen oder Kindergärten.

„Brücken sind nicht alles“, sagt Sören Urbansky. Bloß weil es sie lange Zeit zwischen Russland und China nicht gab, heißt das nicht, dass der Fluss Amur unpassierbar gewesen wäre. Fähren und Luftkissenboote bringen und brachten die Menschen von einem zum anderen Ufer.

© Sören Urbansky

„Momentan ist das Interesse in Russland an China größer als umgekehrt“, sagt Sören Urbansky. Russlands Beziehungsoffensive nahm in den 2010er-Jahren langsam Fahrt auf. Seit der russischen Annexion der Krim 2014 und vollends seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine 2022 bemüht sich der russische Staat massiv um den Schulterschluss mit China, um den Verlust von Beziehungen zum Westen zu kompensieren. „Das zeigt sich in der Förderung der chinesischen Sprache, aber auch an einem gewissen China-Kitsch“, so der Forscher. „In Moskau sieht man heutzutage im Stadtbild beispielsweise Poster zum chinesischen Neujahr oder irgendwelche Sinnsprüche von Xi Jinping.“ Zudem investiert Russland in den Bildungsaustausch mit seinem Nachbarn. Auch auf chinesischer Seite gibt es entsprechende Programme. Doch die Resonanz in der russischen Bevölkerung ist derzeit größer als in der chinesischen.

Russlands Annäherungskurs ist auch am Amur sichtbar geworden. Viele Jahre verhinderte das Land mehrere chinesische Initiativen zum Bau einer Brücke über den Grenzfluss. Seit 2022 gibt es nun sowohl eine Eisenbahnbrücke als auch eine Brücke für den Autoverkehr. Sie sind vor allem eins: ein Symbol, das die Länder enger aneinandergerückt sind.

Publikationen zum Thema

Die Erlebnisse seiner Reisen und Recherchen zum russisch-asiatischen Raum veröffentlichte Sören Urbansky 2021 in einem Sachbuch. Ein weiteres Sachbuch von ihm und einem Co-Autor zu den russisch-chinesischen Beziehungen erschien 2025. Beide Publikationen landeten auf mehreren Sachbuch-Bestenlisten, unter anderem von ZDF, WDR 5 und „Die Zeit“.

  • Sören Urbansky: An den Ufern des Amur. Die vergessene Welt zwischen China und Russland, Verlag C.H. Beck, München 2021, 375 Seiten, ISBN: 9783406768521
  • Sören Urbansky, Martin Wagner: China und Russland. Kurze Geschichte einer langen Beziehung, Verlag Suhrkamp, Berlin 2025, 329 Seiten, ISBN: 9783518431887

Seine Forschungsergebnisse zur russisch-chinesischen Grenze hat Sören Urbansky als Monografie herausgegeben.

  • Sören Urbansky: Steppengras und Stacheldraht. Eine Geschichte der chinesisch-russischen Grenze, Hamburger Edition, Hamburg 2023, 440 Seiten, ISBN: 9783868543797

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Veröffentlicht

Montag
27. Juli 2026
09:02 Uhr

Dieser Artikel wird am 1. Dezember 2026 in Rubin 2/2026 erscheinen. Weitere Rubin-Artikel sind hier zu finden.

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