Das neue Buch „Virtuelle Universität“ rückt das Forschen und Lehren an und mit Virtualität in den Mittelpunkt.
Humanities
Virtuelle Universität
Ein neuer Band des Sonderforschungsbereichs „Virtuelle Lebenswelten“ erkundet Virtualität als gelebte Praxis an Universitäten.
VR-Brillen, Videokonferenzen, VR-Ausstellungen: Galt Virtualität früher noch als etwas Mysteriöses oder Entzogenes, ist sie heute aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Doch wie verändert das Virtuelle die Lebenswelt, Forschungslandschaft, die Methoden, das Miteinander an und das Selbstverständnis von Universitäten? Dieser spannenden Frage widmen sich Forschende und Assoziierte des Sonderforschungsbereichs (SFB) 1567 in ihrem Band „Virtuelle Universität“. Sie verstehen dabei Universität als eine Institution, die Virtualität nicht nur nutzt, sondern auch reflektiert und kritisch hinterfragt, um neue Möglichkeiten der Wissensproduktion und des Zusammenarbeitens zu erkunden.
Der Sonderforschungsbereich „Virtuelle Lebenswelten“
Der Sonderforschungsbereich „Virtuelle Lebenswelten“
Virtualität meint dabei nicht nur technische Infrastrukturen, sondern auch das Als-ob, das Spekulative, das Forschungsprozessen zugrunde liegt, sowie die grundsätzliche Möglichkeit des Andersseins. „Mit der Virtuellen Universität möchten wir die Veränderungen, die Virtualität mit sich bringt, in unserer eigenen Lebenswelt beobachten, indem wir unser Forschen und Lehren an und mit Virtualität in den Mittelpunkt rücken, um es zu re- und dekonstruieren“, betonen die Herausgebenden des Bandes Dr. Patrizia Breil und Prof. Dr. Florian Sprenger.
Die Universität ist immer schon eine Institution der Virtualität gewesen.
„Die Universität ist immer schon eine Institution der Virtualität gewesen“, argumentieren Breil und Sprenger in der Einleitung des Bandes. Sie nehme andere Welten, Gesellschaften, Wissensformen, Naturen oder Techniken in den Blick; vor allem sei sie aber ein Raum des Austauschs. „Kein Bahnhof, kein Flughafen, kein Parlament kann einem Universitätscampus bei der Intensität des Austauschs, der Interaktion und der Kommunikation das Wasser reichen“, sind die Herausgebenden überzeugt. In ihrer Einleitung führen sie aus, wie die Universität seit jeher technische Infrastruktur und Kommunikationsformate entwickelt und vorangetrieben habe und somit wichtiger Impulsgeber für gesellschaftliche und soziale Veränderungen gewesen sei.
Forschende waren schon immer auf Kommunikation in Abwesenheit angewiesen.
„Forschende waren schon immer auf Kommunikation in Abwesenheit angewiesen, und die Bibliothek, der Buchdruck, die Zeitschrift und die E-Mail waren Lösungen für dieses Problem des virtuellen Umgangs mit Wissen“, so Breil und Sprenger. Bis in die 1970er-Jahre hinein sei die Entwicklung von Computern ohne die Universität ebenso wenig vorstellbar gewesen wie die Vernetzung dieser Computer. Nicht zuletzt während der Pandemie waren Unis in der Lage, ihren Betrieb weitestgehend aufrechtzuerhalten und sich „als Institution der Virtualität zu beweisen“, so die Herausgebenden.
Die Virtuelle Universität ist kein digital twin.
Das „Virtuelle“ an der Virtuellen Universität beziehe sich aber nicht nur auf die technischen Infrastrukturen. „Wir wollen die Institution, an der wir forschen, lehren und lernen, nicht einfach um virtuelle und damit im Raumplan nicht vor gesehene, also kostengünstige Räume ergänzen. Die Virtuelle Universität ist keine digitale Repräsentation der bestehenden Institution in neuer und effizienterer Form. Sie ist kein digital twin“, betonen Breil und Sprenger. Die Forschenden leitet hingegen ein weiter Begriff von Virtualität, der sie nicht einfach vom Digitalen ableitet. „Die virtuelle Universität ist nicht auf ihre technische Ausstattung beschränkt – wiewohl sie nicht ohne entsprechende Räume und Gerätschaften auskommt –, sondern auch ein Ort der Imagination, der Kritik und des Austauschs.“
Virtual Humanities
Damit stellen die Mitglieder des SFB in ihrem Band einem rein instrumentellen Verständnis von Virtualität, das auf Machbarkeit und Optimierung zielt, explizit geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Perspektiven entgegen. „Wir wollen uns nicht darauf verlassen, schon zu wissen, was Virtualität ist und wie wir sie für unsere Zwecke einspannen können, sondern Umgangsweisen mit Vieldeutigkeit, Verfahren der Spekulation und Forschung am Möglichen entwickeln. Deshalb sind die Beiträge dieses Bandes in ihrer disziplinären Unterschiedlichkeit und methodischen Vielfalt Ausweis eines gemeinsamen Interesses an dem, was man Virtual Humanities nennen könnte“, erklären Breil und Sprenger den innovativen Ansatz.
Werkzeuge, Infrastrukturen, Institutionen
Gerahmt von grundsätzlichen Debatten und Beiträgen zu den Vergangenheiten und Zukünften der Virtuellen Universität widmen sich die einzelnen Kapitel unterschiedlichen Medien, Formaten, Institutionen, Werkzeugen und Infrastrukturen, die die virtuelle Universität ausmachen. Neben Forschung und Lehre werden auch Organisationsformen, Verwaltungshandeln, studentische Initiativen und die bibliothekarische sowie archivarische Bereitstellung von Medien untersucht.
Die virtuelle Universität ist zugleich Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart.
Auf diese Weise erinnern und reflektieren die Autor*innen, was sie tun, wenn sie an der Universität forschen und lehren. In den Blick genommen werden ebenso die „Möglichkeiten der Zukünfte“ von Universitäten als auch die „Versprechen der Vergangenheit“. Denn: „Die virtuelle Universität ist zugleich Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, genauer: sie ist der Ort, an dem sich vermischt, was Universität war, ist und sein kann.“