Ulrich Rehm sieht im Mittelalter keinen Bruch mit den Figuren und der Formensprache der Antike.
Im Gespräch
„Die Vorstellung vom düsteren Mittelalter ist mir ein Rätsel“
Ulrich Rehm liefert handfeste Belege dafür, dass sich die Menschen im Mittelalter bewusst mit den Werken der Antike auseinandersetzten.
Die Götter und Helden der Antike hatten im Mittelalter keine Konjunktur: Wenn man sie überhaupt dargestellt hat, dann nur auf christliche Figuren übertragen und nur angepasst an die mittelalterliche Formensprache, also wenig naturgetreu und nackt allenfalls, wenn man sie diffamieren wollte. Diese Ansicht galt nahezu das ganze 20. Jahrhundert hindurch als eine Art Grundgesetz der Kunstgeschichte. Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Ulrich Rehm folgt dieser Überzeugung nicht. Er hat auf über 400 Seiten belegt, dass die Menschen im Mittelalter die antiken Werke sehr wohl rezipiert und keineswegs nur christlich umgedeutet und formal angepasst haben. Im Interview erzählt er, wie es zu dieser Deutung kam.
Herr Prof. Rehm, warum war man so lange der Überzeugung, das Mittelalter habe die antiken Werke umgedeutet?
Dazu muss ich ein wenig ausholen. Am Anfang stand ein Aufsatz, den 1933 der deutsche Kunsthistoriker Erwin Panofsky in New York veröffentlicht hat. Er hatte in Hamburg an der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg gearbeitet, war aber aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach der Machtergreifung der Nazis entlassen worden. Die Bibliothek konnte nach London umziehen. Sie war allerdings nach dem Tod ihres Gründers, des Bankerben Aby Warburg, im Jahr der Weltwirtschaftskrise 1929 in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Panofsky tourte daher mit Vorträgen zur klassischen Mythologie im Mittelalter durch die USA, um internationale Unterstützer zu finden. Mit den vielen bis dahin kaum bekannten Bildbeispielen und der stupenden Kenntnis mittelalterlicher Texte wollte er die Leistungsfähigkeit der Hamburger Bibliothek unter Beweis stellen. Auf diese Arbeiten geht die Überzeugung zurück.
Wie argumentiert er?
Panofsky spricht von „Disintegration“: Seiner Ansicht nach wurde die klassisch-antike Formensprache einer Venus Medici oder eines Apoll vom Belvedere im Mittelalter auf christliche Figuren wie Jesus und Maria übertragen. Die sogenannten heidnischen Götterfiguren hingegen seien mittelalterlichem Formenvokabular angepasst worden. Sie wurden eher nicht nackt dargestellt wie viele von ihnen in der Antike. Die Körperoberflächen waren schlichter, zeigten weniger anatomische Details. Das Haar wurde schematischer gearbeitet.
Panofsky ist überzeugt, dass das Heidnische im Mittelalter nicht positiv konnotiert wiedergegeben werden konnte.
Das konnten Sie aber widerlegen?
Ja. Es gab zwar gerade im Bereich der dreidimensionalen Darstellung eine größere Unterbrechung durch Augustinus. Er wehrte sich gegen die Behauptung, das Christentum hätte den Untergang des römischen Staates verursacht, indem er konterte, der römische Götzenkult sei es gewesen, an dem Rom zugrunde gegangen sei, also die kultische Verehrung von Götterstandbildern. Aber es gab politisch keine Zäsur. Man sah sich als Fortsetzung des römischen Reiches. Kaiser haben sich in römischen Särgen bestatten lassen, sogar mit Bildern römischer Götter.
Es gibt viele bewusste Anschlüsse an die Antike. Antike Gemmen, Münzen und andere Gegenstände wurden schon im Mittelalter gesammelt. Wir haben schriftliche Zeugnisse aus karolingischer Zeit – um das Jahr 800 herum –, die belegen, dass antikes Wissen systematisch ins Mittelalter transferiert wurde. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Astronomie, da gab es natürlich Anknüpfungspunkte zu den Mythen. Es ging darum, die Schöpfung zu begreifen. Die sichere Berechnung des Ostertermins rechtfertigte diese Bemühungen. Dazu gibt es hunderte Seiten lange Ausführungen. Die Heldinnen und Helden der Mythologie wurden in Sternbilder figürlich hinein projiziert. Die Vorbilder waren natürlich nicht immer die großen Marmorstatuen, aber antike Handschriften mit ihren Miniaturen, Bronzefiguren, Münzbilder. Und nicht nur Schriften, wie Panofsky meint.
Diese Zeichnung aus dem 12. Jahrhundert zeigt das Element der Luft in menschlicher Gestalt mit den vier Winden. Um ihn herum sind die neun Musen angeordnet sowie Repräsentanten der antiken Musikgeschichte: Orpheus, Pythagoras und Arion.
Er meint, die Menschen im Mittelalter hätten antike Werke gar nicht direkt betrachtet, sondern nur Beschreibungen gelesen?
Ja, jedenfalls beginnend mit der Zeit ab ca. 1000. Aber das kann nicht stimmen. Das belegen auch Zeichnungen, auf denen man antike Münzmotive wiedererkennt, die sich auf längst verlorene Kultstätten eines Apoll oder einer Kybele beziehen. Es gibt zum Beispiel eine laienhafte Zeichnung, die eindeutig die Göttin Kybele darstellt. Sie ist eine neuere römische Göttin, und die bildlichen Details lassen sich nicht anhand bloßer Textkenntnis erklären. Es muss also eine direkte visuelle Rezeption gegeben haben. Das alles sind Belege eines bewussten Umgangs mit antiken Figuren im Mittelalter.
Kybele, dargestellt im obersten Wagen, war eine relativ neue römische Göttin, die bei den mittelalterlichen Autoren nur am Rande erscheint. Die Person, die diese Zeichnung in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts angefertigt hat, muss sie in bildlichen Darstellungen gesehen haben, beispielsweise auf antiken Münzen.
Es gibt auch – ein anderes Beispiel – eine antike Gemme, einen Steinschnitt, der die nackte Venus darstellt. Sie war Teil eines mittelalterlichen Armreliquiars des heiligen Nikolaus, in dem sein Armknochen aufbewahrt wurde. Die Gemme war der Punkt, den man küsste, um dem heiligen Nikolaus zu huldigen. Wissenschaftler*innen des 20. Jahrhunderts waren – wie Panofsky – der Überzeugung, die Menschen im Mittelalter hätten diese Venus-Figur als Maria gedeutet.
Diese antike Gemme aus dem ersten Jahrhundert nach Christus war im Mittelalter Teil eines Arm-Reliquiars des Heiligen Nikolaus.
Wie kam es denn zu diesen Überzeugungen Panofskys?
Ich denke, da gibt es einen Bezug zu seinem eigenen Erleben in der deutschen Geschichte. Er sieht in der griechischen Antike eine ideale Menschlichkeit, ein Ideal von Freiheit, wie auch Schiller das tut. Die Antike erscheint als eine Hochphase, gefolgt von einem Rückfall ins Chaos des Mittelalters, in dem die Kirche die Freiheit einschränkt, und da wird gleich das ganze Mittelalter mit verhaftet. Später in den 1960er-Jahren versucht Panofsky das noch einmal ausführlicher anhand der Renaissance weiter zu belegen. Seiner Ansicht nach hat das freiheitliche Zusammenleben der Menschheit in der Antike einmalig funktioniert – danach nur noch als Abglanz, auch in der italienischen Renaissance. Er sieht sich selbst als einen Klassizisten undercover.
Das Mittelalter hat ja bis heute den Ruf, ein düsteres Zeitalter gewesen zu sein.
Die europäische Moderne definiert sich aus der Renaissance und begründet damit ihre eigene Zivilisiertheit. Die Renaissance erscheint als die Vorstufe des eigenen Modells. Daher kommt wohl die Mittelalterfeindlichkeit. Diese Klischees halten sich hartnäckig.
Für mich ist der Beginn der Frühen Neuzeit eher ein zivilisatorischer Abstieg. Er markiert den Beginn der Kolonialisierung, der extremen und systematischen Ausbeutung sowohl von Menschen als auch der Erde, die ersten Monokulturen kamen auf, die Sklaverei, der Niedergang der Frauenrechte, die Abwertung und das Unsichtbarmachen weiblicher Arbeit. Die systematische, institutionalisierte Hexenverfolgung nahm ihren Anfang. Man muss sich nur die Biografie eines Goya anschauen, dann bekommt man eine Vorstellung vom Druck, von der Angst und dem Misstrauen in der Frühen Neuzeit.
Es ist mir ein Rätsel, warum sich die Vorstellung vom düsteren Mittelalter hält. Vielleicht, weil diese Phänomene der Frühen Neuzeit nie aufgehört haben zu existieren. Weil wir global gesehen heute immer noch Ausbeuter sind.