Jan Alojzy Matejko gilt als einer der bedeutendsten Historienmaler Polens. Sein Ölgemälde von 1889 zeigt den Sieg des polnischen Königs Jan Sobieski vor Wien im Jahr 1683. Es trug zur Verbreitung des Bollwerk-Mythos bei.
Geschichtswissenschaft
Die Macht der Geschichten
Über Jahrhunderte prägen Narrative das Selbstverständnis von Nationen. Je nach Bedarf werden sie von der Politik angepasst. Ihrer Wirkmächtigkeit ist kaum beizukommen.
„Wir haben Europa gerettet. Wir sind das Bollwerk des Christentums gegenüber einer Überflutung durch den Islam“ – propagierte die polnische PiS-Partei während der Flüchtlingskrise. „In ihrer Rhetorik hat die rechtskonservative Partei dabei auf einen wirkungsvollen Nationalmythos aus dem 15. Jahrhundert zurückgegriffen, den sogenannten Antemurale-Mythos“, erklärt die Bochumer Historikerin Prof. Dr. Heidi Hein-Kircher. Die Expertin für Ost-Mitteleuropa weiß um die Macht solcher Motive in geschichtspolitischen Aneignungsprozessen: „Gründungsmythen, Heldenmythen, Schlachtenmythen – im Kern funktionieren sie alle ähnlich. Sie werden Teil nationaler Erzählungen, die sich fest im historischen Bewusstsein der Bevölkerung verankern.“ Wie entstehen sie und warum entfalten sie solch eine Wirkung?
Die Historikerin Heidi Hein-Kircher hat an der Ruhr-Universität Bochum die Professur für deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa inne. Zudem ist sie Direktorin der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, einem An-Institut der Ruhr-Uni.
„In der Geschichtswissenschaft verstehen wir Nationen als Konstrukte, die durch Diskurse und diskursive Praktiken gebildet werden“, beginnt Hein-Kircher. Interpretationen von historischen Ereignissen, Erzählungen über Persönlichkeiten, religiöse Motive und kirchliche Narrative – sie alle würden dazu dienen, Nationen zu bilden, politische Gebiete, Ansprüche und Ziele zu rechtfertigen. „Viele dieser Erzählungen sind über Jahrhunderte gewachsen, haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Nation eingeschrieben. Je nach gesellschaftlich-politischem Kontext werden sie reaktiviert und umgedeutet“, so die Wissenschaftlerin.
Narrative im russischen Angriffskrieg
Aktuell ließe sich das etwa in der russischen Rhetorik um den Angriffskrieg gegen die Ukraine beobachten. „Das russische Geschichtsnarrativ greift sehr stark auf die imperial-russländische Interpretation des 19. Jahrhunderts zurück, nach der die Existenz der ukrainischen Nation abgesprochen wurde. So soll die ukrainische Nationsbildung delegitimiert werden“, führt Hein-Kircher aus. Die Historikerin beobachtet, dass solche Narrative besonders in Krisenzeiten von Machthabern hervorgeholt und instrumentalisiert werden. „Seit 2014 geht es der russischen Regierung darum, von innenpolitischen und wirtschaftlichen Krisen abzulenken. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und damit der Einflussverlust im östlichen Europa stellen ein nicht bewältigtes Trauma dar, das zu den Aneignungsprozessen beigetragen hat“, so die Historikerin.
Wir sprechen in der Forschung von einer Sakralisierung der Geschichte.
Das Geschichtsnarrativ werde dabei als unantastbar dargestellt. „Es wird sozusagen heiliggesprochen. Wir sprechen in der Forschung auch von einer Sakralisierung der Geschichte“, erläutert Hein-Kircher. Gleichzeitig beziehe sich Sakralisierung auch auf den Einfluss der Kirche auf die Geschichtserzählung. „Die orthodoxe Kirche unterstützt und legitimiert die Geschichtspolitik und das Heiligsprechen der russischen Größe.“
Der Begriff „Antemurale“
In ihrer Forschung hat sich Hein-Kircher zuletzt besonders mit geschichtspolitischen Aneignungsprozessen in Polen, mit nationalen Erzählungen wie dem Antemurale-Mythos und dem darauf aufbauenden polnischen Messianismus befasst. „Der Antemurale-Mythos hat seinen Ursprung im kirchlichen Kontext des 15./16. Jahrhunderts, also der frühen Neuzeit“, so Hein-Kircher. Wie viele andere osteuropäische Staaten auch, kämpfte Polen zu der Zeit gegen das Osmanische Reich.
Polen sah sich als Verteidiger des katholischen Christentums gegen die Bedrohungen aus dem Osten.
„Polen sah sich als Mauer oder Schild, als Verteidiger des katholischen Christentums gegen die Bedrohungen aus dem Osten“, erklärt Hein-Kircher. Ihre Forschung zeigt, dass ebendieses Motiv dann in der polnischen Romantik erneut aufgegriffen wird. „Im 18. und 19. Jahrhundert, insbesondere nach den Teilungen Polens, wurde der Mythos wiederbelebt“, erzählt Hein-Kircher. „Das Land war zu der Zeit zu sehr in die damaligen imperialen Kontexte – die Reiche in Russland, Deutschland, die Habsburger Monarchie – verhaftet und hatte keine Chance, einen eigenen Nationalstaat zu bilden“, weiß Hein-Kircher. Als Folge entstanden verschiedene Interpretationen, um Polens Teilung zu begründen und zu rechtfertigen.
Polen wird als Christus der Völker dargestellt.
Besonders dominant ist die Lesart des Dichters Adam Mickiewicz. „Mickiewicz interpretiert die Teilung als Opfer Polens. Polen wird als Christus der Völker dargestellt. Das Land habe sich für die Völker geopfert“, so die Forscherin. In der Teilungszeit erwächst aus diesem Narrativ – heute bekannt als polnischer Messianismus – ein Nationalmythos, der dann durch verschiedene Akteure im 19. Jahrhundert weiterentwickelt und verbreitet wird. „Er taucht in der Belletristik genauso auf wie in historischen Büchern, in Schulbüchern und sogar in Reiseführern“, hat Hein-Kircher herausgefunden.
Das Spannende ist, dass dieses Narrativ immer wieder auftaucht.
„Das Spannende ist, dass dieses Narrativ immer wieder auftaucht: nach 1918, als Polen die Rote Armee abwehrte, im Zweiten Weltkrieg, und dann im Rahmen der europäischen Flüchtlingskrise ab 2015“, so die Historikerin. „Wir sind wieder die Front und opfern uns letztlich für Europa“ – so äußerte sich die PiS-Regierung damals. „Kleine Anspielungen genügen, um die Erzählung zu reaktivieren, sie umzudeuten, sie für politische Ziele einzusetzen“, fasst Hein-Kircher die langanhaltende Wirkungsmacht des Mythos zusammen.
Politisierung von Religion
Vor allem mit Blick auf die vergangenen 25 Jahre beobachtet die Historikerin, wie Religion in Polen zunehmend politisiert wird. „Die nationalkonservativen Kräfte nutzen religiöse Motive, um die eigene politische Führungsmacht durchzusetzen“, so Hein-Kircher. Zum Beispiel würde die PiS-Partei sich ganz deutlich als Bewahrerin der christlichen Familienbilder und -werte inszenieren – etwa im katholische Radio Maria. „Man versucht, die Kirche als Partner mit ins Boot zu holen, die, nach wie vor, eine große Anhängerschaft, insbesondere auf dem Land, genießt und derer man sich eben versichern will.“
Wir finden ähnliche Narrative in Ländern wie Ungarn oder in den USA, die damit den Bau ihrer Grenzzäune legitimieren.
Der Bollwerk-Mythos hat sich nicht nur in Polen über die Jahrhunderte gefestigt und weiterentwickelt; auch andere Länder haben sich das Motiv zu eigen gemacht. „Wir finden ähnliche Narrative in Ländern wie Ungarn oder in den USA, die damit den Bau ihrer Grenzzäune legitimieren. Je nach gesellschaftlich-politischem Kontext wird die Erzählung angepasst“, erklärt Hein-Kircher.
Ungarn hat 2015 als Reaktion auf die Flüchtlingsströme einen Zaun an der Grenze zu Serbien aufgestellt. Auch dieser wird rhetorisch mit einem Rückgriff auf den „Bollwerk-Mythos“ gerechtfertigt.
Und auch die Aneignung oder Politisierung von religiösen Motiven, von traditionellen Familienwerten ist weltweit zu beobachten: „Veränderte Familienmodelle und Geschlechterrollen werden als Angriff auf die traditionelle Kernfamilie, und damit die kleinste Einheit der Nation, gewertet, und die gilt es zu verteidigen. Hier werden Familie und Nation verknüpft“, erläutert Hein-Kircher. Das Motiv finde man überall. „Denken wir an Fico in der Slowakei, der gezielt auf katholische Werte anspielt. Oder die Republikaner in den USA, die sich mit den Evangelikalen verbünden.“
Mythen dekonstruieren
Was kann man den wirkmächtigen Erzählungen entgegensetzen? „Die Wirkmächtigkeit der Mythen liegt ja darin, dass sie tief in der breiten Bevölkerung, im Bildungssystem, etwa in Schulbüchern, verankert sind. Das macht sie so resilient gegenüber anderen Interpretationen der Geschichte und ihre Dekonstruktion schwierig“, so Hein-Kircher. Als Forscherin könne sie dazu beitragen, die Narrative in Belletristik oder Malerei zu identifizieren und analytisch zu hinterfragen, aber das ändere nichts an deren Einfluss.
Diese Machtlosigkeit ist frustrierend.
„Diese Machtlosigkeit ist frustrierend.“ Darum ist es der Historikerin eine Herzensangelegenheit, ihre Forschungserkenntnisse auch für die Lehre aufzubereiten, ihre Studierenden, viele davon angehende Lehrkräfte, für Narrative und deren Mechanismen zu sensibilisieren: „Mir ist es wichtig, dass der Umgang mit Texten und Analysen auch dazu beiträgt, dass sie ihre eigenen Standpunkte, Prämissen, ihr Selbstverständnis selbstkritisch hinterfragen.“