„Die Jade ist zu einem Liebhaberprojekt geworden. Davon komme ich nicht mehr weg“, sagt Hans-Peter Schertl.
Interview
Zufallsfunde, Jade und chinesisches Mensaessen
Mineraloge Hans-Peter Schertl ist eigentlich im Ruhestand. Dennoch reiht sich eine Gastprofessur an die nächste. Seine Expertise für das Mineral Jade bringt ihn immer wieder nach China.
2008 entdeckte Dr. Hans-Peter Schertl durch Zufall gemeinsam mit Kollegen von der Ruhr-Universität Bochum ein bedeutendes Jade-Vorkommen in der Dominikanischen Republik. Wie es zu dem Fund kam, welche Forschungsverbindungen daraus entstanden und wie sie ihm mehrere chinesische Gastprofessuren einbrachten, obwohl er eigentlich schon im Ruhestand ist, erzählt er im Interview.
Hans Peter Schertl war 37 Jahre als Mineraloge an der Ruhr-Universität Bochum tätig und bleibt ihr auch nach seinem offiziellen Ruhestand als senior researcher weiter treu. Er ist Experte für Jade.
Herr Schertl, Ihre Expertise für das Mineral Jade hat Ihnen schon einige Einladungen nach China beschert. Aber erzählen Sie uns zu Beginn bitte, wie es überhaupt zu diesem Forschungsschwerpunkt kam.
Das war purer Zufall. Ich war 2008 mit Kollegen in der Dominikanischen Republik, weil wir zu Hochdruckgesteinen geforscht haben. Das sind Gesteine, die durch plattentektonische Prozesse in große Erdtiefen transportiert werden. Dabei haben wir ein seltsames grünes Material gefunden. Es war elendig hart und man konnte mit dem Hammer kaum etwas von einem größeren Stück abtrennen. Aber ein paar Brocken haben wir schließlich mitgenommen.
Sie wussten damals gar nicht, was Sie in den Händen hatten?
Nein, damals war nicht bekannt, dass es Jade in der Dominikanischen Republik gibt. Weltweit sind heute überhaupt nur etwa 20 natürliche Vorkommen bekannt.
Offen gestanden haben wir die grünen Brocken, die wir aus der Dominikanischen Republik mitgebracht hatten, nach unserer Rückkehr zwei, drei Jahre in der Schublade liegen gehabt.
Offen gestanden haben wir die grünen Brocken, die wir aus der Dominikanischen Republik mitgebracht hatten, nach unserer Rückkehr zwei, drei Jahre in der Schublade in Bochum liegen gehabt. Andere Proben hatten höhere Priorität. Irgendwann haben wir sie wiederentdeckt und uns gedacht, dass wir mal nachschauen müssten, was das eigentlich ist. Wir haben Dünnschliffe davon angefertigt, also hauchdünne Gesteinsscheibchen von nur einem Vierzigstel Millimeter Dicke. Unter dem Mikroskop haben wir die typischen Eigenschaften von Jade erkennen können.
Und wie ging es dann weiter?
Als wir festgestellt hatten, dass es sich um Jade handelt, haben wir bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein weiteres Projekt beantragt. Mit den Mitteln haben wir drei Jahre lang gezielt nach Jade in der Dominikanischen Republik gesucht. Wir sind allerdings keine Edelsteinjäger, sondern interessieren uns für die Entstehungsgeschichte des Gesteins; zum Beispiel rekonstruieren wir Bedingungen, wie etwa Druck und Temperatur, bei denen es entstanden ist, und schließlich erlauben uns Altersdatierungen Aussagen über das Entstehungsalter der Jade.
Während unseres Aufenthalts in der Dominikanischen Republik haben wir auch Archäologinnen und Archäologen kennengelernt, woraus sich wieder ein neues Forschungsthema ergeben hat.
Welches denn?
Jade hat einen hohen kulturhistorischen Stellenwert, speziell im mesoamerikanischen, karibischen aber auch im asiatischen Raum. Es wird seit einigen Tausend Jahren immer wieder zu Schmuckstücken, Kultobjekten und Werkzeugen verarbeitet. Mit unseren Methoden der Mineralogie können wir unter anderem nachvollziehen, aus welchem Jade-Vorkommen das Material eines bestimmten archäologischen Fundstücks stammt. Die Erkenntnisse zu den Jade-Vorkommen in der Dominikanischen Republik haben den Archäologen damals neue Theorien zu historischen Handelswegen eröffnet.
Mittlerweile sind Sie eigentlich im Ruhestand, aber Ihre Jade-Expertise bringt Ihnen immer noch die eine oder andere Auslandsreise ein.
Ich forsche an der Ruhr-Universität Bochum immer noch als senior researcher. 2025 wurde ich zweimal zu einem fünfwöchigen Aufenthalt als Gastprofessor nach Hefei in China eingeladen, um mein Wissen zum Thema Jade dort an Studierende weiterzugeben und mit den Kollegen vor Ort zusammen zu forschen. Das war eine außergewöhnliche Erfahrung und eine sehr intensive Zeit.
Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Einiges. Zum Beispiel, wie toll ich von den Gastgebern betreut wurde. Oder der Tatendrang und das Interesse der Studierenden und Doktoranden; da herrschte eine regelrechte Aufbruchstimmung. Auch das Essen in der Mensa wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben.
Was war so besonders an der Mensa?
Das Essen war unfassbar lecker, wie im Restaurant, und zugleich für unsere Verhältnisse sehr günstig. Es gab jeden Tag ein langes Buffet, aus dem man sich kleine Schüsselchen mit unterschiedlichen Speisen zusammenstellen konnten. Ein Teller mit Suppe wurde täglich kostenlos angeboten. Das war phänomenal.
Ein typisches Essen in der Mensa an der Hefei University Of Science And Technology in China
Sprechen Sie eigentlich Chinesisch?
Meine Frau ist Chinesin, daher kann ich ein paar einfache Floskeln. Aber es ist eine sehr schwierige Sprache. Bei meinen letzten Aufenthalten war ich begeistert, dass mittlerweile alle sehr gut Englisch sprechen. Als ich vor 20 Jahren in China war, habe ich mich kaum getraut, mich mehr als 30 Meter vom Hotel wegzubewegen, weil ich mich nicht verständigen konnte. Jetzt ist das gar kein Problem mehr.
Ich stelle fest, dass die Ruhr-Universität Bochum an vielen chinesischen Universitäten mittlerweile bekannt ist.
Haben Sie noch mehr Veränderungen wahrgenommen?
Die Kultur in Forschung und Lehre hat sich sehr verändert. Früher wurde vieles relativ unreflektiert hingenommen, was führende Akademiker postuliert haben. Heute wird kontrovers diskutiert. Ich stelle auch fest, dass die Ruhr-Universität Bochum an vielen chinesischen Universitäten mittlerweile bekannt ist. So gibt es auch immer wieder Bewerbungen von chinesischen Doktoranden und Studierenden in den Geowissenschaften an der Ruhr-Universität, die sich bei uns im Team nahtlos einfügen. Wie überall, ist natürlich auch in China nicht alles Gold, was glänzt, aber eine Zusammenarbeit wie die unsere in den Geowissenschaften ist sehr wertvoll, und es profitieren beide Seiten davon. Kooperation ist die treibende Kraft hinter neuen Erkenntnissen und Innovationen in der Wissenschaft.
Wird die Geschichte von Ihnen, der Jade und China noch weitergehen?
Ich habe gerade eine dreijährige Gastprofessur an der Ocean University im chinesischen Qingdao erhalten und auch dabei geht es unter anderem um Jade. Von dem Thema komme ich nicht mehr weg – genauso wenig von dem herrlichen Land China. Die Jade ist zu einem Liebhaberprojekt geworden, und in China habe ich in den vergangenen 20 Jahren viele neue Freunde gefunden.