Prof. Dr. Valentin Bertsch vom Lehrstuhl Energiesysteme und Energiewirtschaft der Ruhr-Universität Bochum
Brückentechnologie
Mehr Tempo beim Bau von Gaskraftwerken
Die Energiewende kann nur mit Brückentechnologie gelingen. Wind und Sonne liefern nicht immer dann Strom, wenn man ihn benötigt. Valentin Bertsch hält wasserstofffähige Gaskraftwerke für einen wichtigen Teil der Lösung.
2010 bewarb die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung die Kernenergie als unverzichtbare Brückentechnologie ins regenerative Zeitalter. Mit der Fukushima-Katastrophe im März 2011 nahm dieser Plan ein jähes Ende. Seitdem dominieren Gaskraftwerke das Narrativ der Brückentechnologie in eine regenerative Zukunft – aufgrund ihrer Flexibilität und aufgrund ihrer im Vergleich zu Kohle oder Öl geringeren CO2-Intensität. Weil billiges Erdgas aus Russland verfügbar war, war es für Deutschland lange unattraktiv, andere Bezugsquellen zu erschließen. Das erwies sich mit dem Krieg in der Ukraine als gefährliche Abhängigkeit.
Deutschland braucht infolge des Kernenergie- und Kohleausstiegs bis auf Weiteres neue Gaskraftwerke zur Absicherung der zunehmend erneuerbaren Stromversorgung.
Dennoch braucht Deutschland infolge des Kernenergie- und Kohleausstiegs bis auf Weiteres neue Gaskraftwerke zur Absicherung der zunehmend erneuerbaren Stromversorgung. Die Debatte wird seit Jahren kontrovers geführt. Zwar können Batteriespeicher und Lastverlagerungsmaßnahmen den Bedarf an Gaskraftwerken leicht reduzieren, aber insbesondere für längere Perioden ohne ausreichende Wind- und Solarstromproduktion nicht ersetzen. Während die exakten Zahlen variieren, sind sich jüngere Studien einig, dass bis Anfang der 2030er-Jahre mindestens zehn bis zwölf Gigawatt neuer (Gas-)Kraftwerkskapazitäten benötigt werden. Das entspricht in etwa den Plänen der aktuellen und vorigen Bundesregierung.
Wissenschaftlicher Konsens besteht auch darin, dass vor allem Wasserstoff in Frage kommt, um erneuerbaren Strom im zukünftigen klimaneutralen Energiesystem langfristig zu speichern. Dabei wird aus erneuerbarem Strom mittels Wasserelektrolyse Wasserstoff produziert, gespeichert, und wenn der Strombedarf nicht durch erneuerbare Energien und Kurzfristspeicher gedeckt werden kann, in wasserstoffbetriebenen Gaskraftwerken rückverstromt. Wenn die Gaskraftwerke also wasserstofffähig („H2-ready“) sind, können sie nicht nur als Übergangslösung dienen, sondern eine echte Brücke in die klimaneutrale Zukunft sein.
Deutschland muss das Tempo beim Ausbau seiner Brückentechnologien für die Energieversorgung erhöhen.
Problematisch ist allerdings, dass wir in Deutschland zu lange auf der Stelle treten und über Details diskutieren, während sich der Rest der Welt weiterbewegt. Das Kraftwerkssicherheitsgesetz der Ampelregierung wurde 2024 wegen des Koalitionsbruchs nicht mehr verabschiedet. Bis zur Verabschiedung des Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetzes (StromVKG) der aktuellen Regierung im Jahr 2026 sind zwei Jahre vergangen, ohne dass sich an den Kapazitätszielen grundlegend etwas geändert hat. In dieser Zeit haben sich weltweit die Auftragsbücher der Kraftwerkshersteller gefüllt. In den USA bestellen Betreiber von KI-Rechenzentren massiv Gasturbinen zur Absicherung ihrer eigenen Stromversorgung. Die Frage ist nicht, ob wir Gaskraftwerke benötigen. Sondern wann und zu welchem Preis wir die erforderlichen Kapazitäten noch bekommen können. Deutschland muss das Tempo beim Ausbau seiner Brückentechnologien für die Energieversorgung erhöhen. Wasserstofffähige Gaskraftwerke spielen dabei eine wichtige Rolle.
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