Mittels Joystick zogen die Testpersonen verschiedene Bilder zu sich heran oder schoben sie weg. Neben den Anmeldebildschirmen von Online-Plattformen dienten neutrale Fotos wie dieses als Kontrolle. 

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Psychologie

Wenn Webseiten automatisch unwiderstehlich anziehen

Bestimmte Online-Inhalte wirken auf Personen mit problematischer Internetnutzung unbewusst besonders anziehend. Diese Erkenntnis könnte helfen, spezifische Trainings zu entwickeln, um die Sucht zu überwinden.

Spiele, Shopping, Social Media, Pornografie: Das Internet bietet zahlreiche Verlockungen. Während die meisten Menschen maßvoll damit umgehen, entwickeln manche ein Suchtverhalten. Eine multizentrische Studie mit über 1.000 Testpersonen mit und ohne problematisches Nutzungsverhalten zeigt: Zwar werden alle von suchtrelevanten Motiven im Internet angezogen. Bei Leuten mit problematischer Internetnutzung ist dieser automatische und unbewusste Sog jedoch deutlich ausgeprägter. „Das deutet darauf hin, dass sich spezielle Trainings entwickeln lassen, die Betroffenen helfen können, sich von solchen Reizen zu distanzieren“, sagt Prof. Dr. Martin Diers aus der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum. Die Studie wurde am 12. Mai 2026 in der Zeitschrift Journal of Behavioral Addictions veröffentlicht.

Die wissenschaftlichen Teams in Duisburg, Bamberg, Gießen, Hannover, Lübeck, Macau, Mainz, Siegen und Bochum konnten insgesamt 1.015 Menschen in ihre Studie einschließen. Sie wurden nach einer Diagnostik in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe umfasste Personen, deren Internetnutzung unproblematisch war. Eine zweite Gruppe umfasste Personen mit riskanter Nutzung, eine dritte Personen mit pathologischer, also problematischer, Internetnutzung. Grundlage der Einteilung war ein strukturiertes klinisches Interview, das auf den Kriterien des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-5) und zusätzlichen Aspekten der internationalen Krankheitsklassifikation ICD-11 basiert. 

Joystick-Test macht Annäherung und Vermeidung messbar

Die Gruppen bekamen alle dieselbe Aufgabe: Ihnen wurden an einem Computerbildschirm Motive gezeigt, die entweder mit einer möglichen Internetnutzung in Zusammenhang standen oder neutral waren. „Die internetbezogenen Bilder zeigten die Anmeldemasken von Sozialen Plattformen, Gaming-, Shopping- oder Pornografie-Webseiten“, erklärt Martin Diers. Die neutralen Bilder zeigten etwa Hände, die Alltagegenstände, wie eine Schere, benutzen. 

In mehreren Durchläufen forderte das Forschungsteam die Testpersonen auf, die entsprechenden Bilder entweder mit einem Joystick zu sich heranzuziehen und so zu vergrößern oder sie von sich wegzuschieben, wodurch sie kleiner wurden. In zwei von vier Durchläufen sollten internetbezogene Bilder herangezogen und neutrale Bilder weggeschoben werden, in zwei weiteren Durchgängen umgekehrt. Währenddessen maß das wissenschaftliche Team die Reaktionszeiten. 

Unbewusster Sog könnte Risikogruppen identifizieren helfen

„Wir konnten insgesamt eine Tendenz zur Annäherung an internetbezogene Reize im Vergleich zu neutralen Bildern beobachten“, berichtet Martin Diers. Die mit den Internetangeboten verbundene Belohnungserfahrung übt auf viele Menschen eine Sogwirkung aus. „Bei Personen mit problematischer Internetnutzung war diese Tendenz aber erheblich stärker.“ Das deute darauf hin, dass automatische und unbewusste Prozesse einen wichtigen Einfluss auf das Nutzungsverhalten haben. 

„Diese Erkenntnis könnte uns helfen, Risikogruppen anhand dieses Verhaltensmarkers besser zu erkennen“, so Diers. Die Ergebnisse könnten zudem Ansatzpunkte für die Therapie bieten. „Denkbar wären beispielsweise Trainings, bei denen Betroffene wiederholt lernen, suchtbezogene Reize aktiv zurückzuweisen.“ 

Das Forschungsteam fand zudem Hinweise darauf, dass bei besonders stark ausgeprägter problematischer Internetnutzung nicht nur Annäherungs-, sondern teilweise auch Vermeidungstendenzen auftreten können. Dies könnte auf innere Konflikte zwischen dem Wunsch nach Nutzung und negativen Erfahrungen wie Kontrollverlust oder Schuldgefühlen hindeuten.

Kooperationspartner

Die Studie entstand im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe 2974 „Affective and cognitive mechanisms of specific Internet-use disorders“ unter Beteiligung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten Duisburg-Essen, Bochum, Bamberg, Gießen, Hannover, Lübeck, Siegen, Mainz und Macau. 

Förderung

Die Arbeiten wurden gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen der Forschungsgruppe 2974 (Sprecher Prof. Dr. Matthias Brand von der Universität Duisburg-Essen), die Europäische Union und das Bundesministerium für Bildung und Forschung. 

Originalveröffentlichung

Martin Diers et al.: Approach-Avoidance Tendencies in Problematic Usage of the Internet: Evidence From a Multisite Study, in: Journal of Behavioural Addictions, 2026, DOI: 10.1556/2006.2026.00057

Pressekontakt

Prof. Dr. Martin Diers
Klinische und Experimentelle Verhaltensmedizin
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
LWL-Universitätsklinikum
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: +49 234 5077 3175
E-Mail: martin.diers@ruhr-uni-bochum.de 

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Veröffentlicht

Dienstag
02. Juni 2026
13:52 Uhr

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