ERC Advanced Grant-Beteiligung
Wo die Steine für römische Bauten herkamen
Neues ERC-Projekt „ConstruEnS“ entschlüsselt römische Monumentalbauten als Quellen von Gesellschaft, Umwelt und Herrschaft.
Die beeindruckenden Überreste römischer Bauwerke faszinieren uns bis heute. In einem Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats untersucht ein Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Dominik Maschek vom Leibniz-Zentrum für Archäologie und Beteiligung von Prof. Dr. Vilma Ruppienė von der Ruhr-Universität Bochum römische Bauwerke mit einem neuen Blick: Wie wurden römische Bauwerke geplant, errichtet und organisiert? Welche Arbeitskräfte wurden dafür mobilisiert? Woher stammten die benötigten Baumaterialien und Rohstoffe? Welche Auswirkungen hatten Bauprojekte auf Umwelt, Energieverbrauch und Gesellschaft? Das Projekt namens ConstruEns wird mit knapp 2,5 Millionen Euro für fünf Jahre gefördert.
Das Projekt ConstruEnS (Construction, Environment, and Society on the Rhine and Danube Frontiers of the Roman Empire) erschließt römische Bauwerke als einzigartige historische Archive vergangener Praktiken, Entscheidungsprozesse und Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. Durch die Entwicklung innovativer Instrumente und Modelle zielt das Projekt darauf ab, einen Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften einzuleiten. Architektur wird als zentrale Quelle für das Verständnis der materiellen, sozialen und Umweltgeschichte etabliert.
Die erhaltenen Überreste römischer Bauwerke am Rhein und an der Oberdonau bieten ideale Fallstudien: Mit den Flüssen als zentralen Verkehrs- und Mobilitätsadern wuchsen die neu gegründeten römischen Städte und ihr Hinterland vom frühen 1. bis zum 4. Jahrhundert rasch an. Das Bauwesen in diesen Städten brachte neue Techniken, Materialien, Versorgungsnetze und Fachkenntnisse mit sich. Das Projekt konzentriert sich auf Xanten, Köln, Mainz, Regensburg und Carnuntum.
Die Versorgung der Baustellen mit Baumaterialien
„Mein Beitrag im Projekt ist die Untersuchung der Herkunft, Gewinnung und Versorgung der Bauvorhaben in den Städten entlang des Rheins und der oberen Donau mit Steinmaterialien“, erklärt Vilma Ruppienė. Dabei geht es sowohl um Baumaterialien und architektonische Bauteile als auch um dekorative Natursteine für die Ausstattung von Gebäuden, etwa Wand- und Bodenverkleidungen in Thermenanlagen.
Mithilfe archäometrischer Analyseverfahren werden die verwendeten Gesteinsarten bestimmt und – wenn möglich – ihre genaue Herkunft identifiziert. Eine wichtige Grundlage hierfür bilden Referenzproben aus verschiedenen Steinbrüchen, die den Vergleich mit archäologischen Proben ermöglichen und so deren Zuordnung zu bestimmten Abbaugebieten oder sogar einzelnen Steinbrüchen erlauben. „Die Kenntnis der genutzten Steinressourcen ermöglicht die Rekonstruktion der damit verbundenen logistischen und wirtschaftlichen Prozesse“, so Vilma Ruppienė. „Dazu gehören insbesondere die Organisation des Steinabbaus, die Handels- und Versorgungsnetzwerke sowie die Transportwege zu Land, auf Flüssen und über das Meer bis hin zum Einsatz auf den Baustellen.“ Auf dieser Grundlage lassen sich auch Rückschlüsse auf die Kostenkalkulation und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen großer Bauprojekte ziehen.