Über 2.000 Kilometer verläuft der Amur an der Grenze zwischen China und Russland.
Geschichte
Wie sich die chinesisch-russische Grenze gewandelt hat
Für den Bochumer Historiker und Osteuropa-Experten Sören Urbansky ist die chinesisch-russische Grenze die Grenze mit den krassesten Gegensätzen der Welt. Er hat ihre Geschichte im Detail aufgearbeitet.
2.000 Kilometer der russisch-chinesischen Grenze werden durch den Fluss Amur gebildet. Erst seit 2022 gibt es zwei Brücken zwischen den Staaten. „Sie sind vor allem eins: ein Symbol der Annäherung“, sagt Prof. Dr. Sören Urbansky. Der Historiker und Osteuropa-Experte der Ruhr-Universität Bochum hat die Geschichte der russisch-chinesischen Grenze aufgearbeitet und zeigt auf, wie sie sich politisch, ökonomisch und in den Köpfen der Menschen während der Jahrhunderte formte. Das Wissenschaftsmagazin Rubin der Ruhr-Universität berichtet über seine Arbeit, die er sowohl als populärwissenschaftliches Sachbuch als auch in einer Monografie veröffentlicht hat.
Wie die Grenze zwischen China und Russland entstand
Sören Urbansky hat bereits viel Zeit in Russland und China verbracht und überquerte auch die Grenze. „Dort trafen zwei komplett verschiedene Gesellschaften aufeinander. Die russisch-chinesische Grenze ist für mich weltweit diejenige mit den krassesten Gegensätzen“, sagt er. Diese Gegensätze waren allerdings nicht immer so stark.
China und Russland verbindet eine 400-jährige Beziehungsgeschichte. Die ersten Kontakte gab es im frühen 17. Jahrhundert, als sich sibirische Kosaken mit Erkundungskarawanen auf den Weg nach Peking machten. 1689 schlossen beide Länder einen Vertrag, in dem sie den Verlauf der Grenze festlegten. Wirklich kontrolliert wurde die Grenze erst ab dem späten 19. Jahrhundert, als eine Eisenbahnlinie entstand und sich die Zollgrenze an die Staatsgrenze verschob. Durch die geopolitischen Konflikte des 20. Jahrhunderts bildete sich schließlich eine harte Grenze zwischen den Ländern.
Das Ende der Nomadenvölker und Umsiedlungskampagnen
„Bis vor 100 Jahren lebten im Grenzgebiet viele indigene Nomadenvölker, die sich weder als russisch noch als chinesisch verstanden“, beschreibt Sören Urbansky. „Diese nomadischen Lebenswelten wurden durch die Konflikte im 20. Jahrhundert zerstört.“
In den späten 1950er-Jahren entbrannte ein zunächst ideologischer Konflikt zwischen den beiden Ländern. Die Sowjetunion siedelte abertausende Menschen aus anderen Landesteilen im Grenzgebiet an; China tat es ihr gleich. „Die Menschen, die von da an auf beiden Seiten der Grenze lebten, hatten keinerlei Erinnerungen daran, wie es war, als die Grenze offen war“, berichtet Urbansky. „Sie hatten keinen Bezug zu ihrem Gegenüber, und so war es viel leichter, ein Feindbild in ihren Köpfen festzusetzen.“
Eine Grenze, so erklärt es der Historiker, muss nicht nur militärisch, ökonomisch und im Sinne von politischen Regelungen durchgesetzt werden, sondern auch in den Köpfen der Menschen.
Ausführlicher Artikel im Wissenschaftsmagazin Rubin
Originalveröffentlichungen