
Bernd Bastert hat das Forschungsprojekt zu Willehalm initiiert.
Germanistik
„Willehalm“ im 21. Jahrhundert
Forschende aus Bochum, Hamburg und Heidelberg editieren das berühmte literarische Werk aus dem Mittelalter digital – auch mithilfe von Künstlicher Intelligenz.
Seit Frühjahr 2025 läuft das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte mediävistische Forschungsprojekt „Willehalm im Kontext – Digitale Edition des Willehalm und seiner Ergänzungsdichtungen“. Initiiert hat es Prof. Dr. Bernd Bastert, der an der Ruhr-Universität den Lehrstuhl Deutsche Literatur des Spätmittelalters innehat. An der Universität Hamburg leitet Juniorprofessorin Dr. Lina Herz das Projekt, an dem außerdem die Universitätsbibliothek Heidelberg beteiligt ist. Ziel dieses DFG-Langfristvorhabens ist es, das Werk in den kommenden zehn Jahren erstmals in seinem vollständigen historischen Kontext digital zu transkribieren und zu edieren, es zu analysieren und zu kommentieren.
Der bekannteste Text von Wolfram von Eschenbach, einem der berühmtesten Autoren des Mittelalters, ist heute der Roman „Parzival“. Zu seinem Werk gehört aber ebenso der um 1220 entstandene „Willehalm“. „Mit rund 90 bekannten Handschriften und Fragmenten zählt der ‚Willehalm‘ zu den am häufigsten überlieferten weltlichen Werken der mittelhochdeutschen Literatur und ist insofern ein wahrer ‚Bestseller‘ des Mittelalters“, erklärt Bernd Bastert.
Vorgeschichte und Fortsetzung gehören ebenfalls zum Projekt
Im „Willehalm“ werden (damals wie heute aktuelle) kriegerische Konflikte, aber auch Koexistenz-Möglichkeiten zwischen Christen und Andersgläubigen zur Zeit der Kreuzzüge thematisiert. Dabei hat die zentrale weibliche Figur einen Migrationshintergrund. Die überlieferten Texte sind auf verschiedene Bibliotheken, kleinere Forschungsbestände, private Sammlungen und Familienarchive verteilt. Derzeit führt das Forschungsteam zum Beispiel Verhandlungen mit den Eigentümern eines Ritterguts in der Nähe von Hannover, wo sich bislang nicht digitalisierte Fragmente befinden. „Hier gehen wir tatsächlich gemeinsam auf Schatzsuche nach überlieferten Text-Fragmenten“, so das Projektteam.
Zunächst wollen die Forschenden sämtliche historische Handschriften und Textbestände des „Willehalm“ sowie die unmittelbar mit ihm in Verbindung stehenden Werke aus seinem zeitlichen und kulturellen Umfeld identifizieren und analysieren. Dabei betrachten sie „Willehalm“ nicht als eigenständiges, unvollendetes Werk, sondern setzen es in Beziehung zu den Erzählungen „Arabel“ (Vorgeschichte) und „Rennewart“ (Fortsetzung). „Der wissenschaftliche Fokus lag aufgrund der Bekanntheit Wolframs von Eschenbach bisher fast ausschließlich auf ‚Willehalm‘ – nicht aber auf den ergänzenden Werken, mit denen ‚Willehalm‘ zumeist überliefert wird und die von zwei anderen Autoren stammen“, heißt es seitens des Projektteams. Dabei sei „Willehalm“ in der mittelalterlichen Rezeption wahrscheinlich fast immer als dreiteilige Erzählung wahrgenommen und rezipiert worden.
Künstliche Intelligenz als Hilfsmittel für die digitale Editionswissenschaft
Das digitale Editionsprojekt setzt dabei neue Maßstäbe für die Erforschung mittelalterlicher Literatur. Angesichts der enormen Überlieferungslage wäre eine klassische textkritische Edition in Buchform kaum umsetzbar. Die digitale Aufbereitung erlaubt eine umfassende und differenzierte Darstellung der verschiedenen Textvarianten und ihres historischen Kontextes. Besonders vorteilhaft für das langfristige Forschungsprojekt ist die schnelle Entwicklung innovativer Methoden in den Digital Humanities. So wird auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz neue Formen der Texterkennung, Analyse und Vernetzung von Handschriften schneller ermöglichen.
Die drei Partnerinstitutionen bauen zurzeit eine nachhaltige digitale Infrastruktur für Forschung und Lehre auf. Dies stärkt den interdisziplinären Austausch, fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs und trägt zur internationalen Erforschung mittelalterlicher Literatur bei.
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