War so das Piratenleben im Jahr 1715? KI-generierte Videos wollen Geschichtserfahrungen vermitteln. Aber nicht immer liegt die KI sachlich richtig.
Videos in Sozialen Medien
Schreibt KI die Geschichte um?
Die Sozialen Medien sind voll mit KI-generierten Videos, die vermeintlich historische Gegebenheiten erfahrbar machen. Dabei erzeugt die KI ihre eigene Interpretation der Vergangenheit.
Point of View: Du bist ein Pirat im Jahr 1715. Du siehst dein Segelschiff über die Wellen gleiten, deine Mannschaftskameraden hocken neben dir, an den Rumpf des Schiffs gelehnt, während deine Hand eine Holzschale mit ein paar trockenen Keksen und einem wenig schmackhaft aussehenden Fisch hält. Videos dieser Art, die historische Situationen erlebbar machen wollen, kursieren auf TikTok und Instagram zuhauf. Erstellt werden sie mithilfe generativer KI.
Solche POV-Videos (kurz für Point of View) analysiert Geschichtswissenschaftler Roman Smirnov. Er ist Mitglied des Sonderforschungsbereichs „Virtuelle Lebenswelten“, der an der Ruhr-Universität Bochum angesiedelt ist. Seine Erkenntnisse hat er im März 2026 auf einer Tagung des Arbeitskreises „Digitalität“ der Konferenz für Geschichtsdidaktik in Aachen vorgestellt.
Videos erreichen Millionenpublikum
„POV-Videos inszenieren historische Momente aus der vermeintlichen Perspektive eines historischen Akteurs – etwa eines römischen Gladiators, einer Wikingerin oder eines Soldaten des Ersten Weltkriegs“, erklärt Smirnov. „Sie suggerieren somit eine unmittelbare Geschichtserfahrung.“
Roman Smirnov ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich „Virtuelle Lebenswelten“.
Anbieter von KI-Tools werben damit, dass sich solche historischen Erzählvideos mühelos produzieren lassen. Einige Fachleute aus der Public History und den Medienwissenschaften stehen den Formaten hingegen skeptisch gegenüber. „Fakt ist, dass reichweitenstarke Kanäle wie @timetravellerpov, @pov_of_history auf TikTok oder @histairy_films auf Instagram mit den Videos ein Millionenpublikum erreichen“, sagt Roman Smirnov.
Sachliche Fehler und Stereotype
Der Wissenschaftler sieht in der Technik Chancen und Risiken zugleich. Die KI-Modelle, mit denen die Videos erstellt werden, basieren auf enormen Datenmengen. „Bei manchen Nutzer*innen entsteht dadurch der Eindruck, es handle sich um Systeme mit einer Art umfassendem, objektiven Wissen darüber, wie es damals gewesen ist“, beschreibt Roman Smirnov. „Die KI-generierten Geschichtsbilder gewinnen dadurch eine hohe Überzeugungskraft.“
Oft lasse sich jedoch nicht transparent nachvollziehen, auf welchen Quellen konkrete Inhalte basieren. „Nicht selten enthalten die historischen Darstellungen sachliche Fehler“, weiß Smirnov. „Außerdem sind in den Trainingsdaten gesellschaftliche Verzerrungen und Stereotype eingeschrieben, die sich in den erzeugten Darstellungen reproduzieren oder sogar verstärken können.“
Vernünftigen Umgang mit Videos entwickeln
Gleichzeitig tragen generative KI-Tools laut Roman Smirnov zur Demokratisierung digitaler Geschichtskultur bei. „Sie ermöglichen eine niedrigschwellige Produktion visuell elaborierter Inhalte, für die bis vor wenigen Jahren teure, professionelle Software und erhebliche Produktionszeit erforderlich gewesen wären“, sagt der Geschichtswissenschaftler. Heute kann eine einzelne Person innerhalb weniger Stunden mithilfe von KI ein Skript entwickeln und dieses in eine Serie pseudodokumentarischer Kurzvideos umsetzen.
Roman Smirnov möchte die Videos weder verteufeln noch glorifizieren: „Wir müssen KI-generierte Geschichtsdarstellungen als etablierten Bestandteil des Medienkonsums ernst nehmen, sie wissenschaftlich analysieren und Formen historischer Medienkompetenz entwickeln, die einen reflektierten und produktiven Umgang mit diesen Technologien ermöglichen“, fordert er.