Die afrikanische Gastwissenschaftlerin Sharon Adetutu Omotoso zieht es bereits zum zweiten Mal an die Ruhr-Universität. Dieses Jahr ist sie zu Gast am Marie Jahoda Center for International Gender Studies.
Internationalisierung
„Die echte Prüfung findet da draußen statt”
Die nigerianische Forscherin Omotoso liebt die gelebte Offenheit und Vielfalt an der Ruhr-Universität. Als Aktivistin ermutigt sie Frauen dazu, eine Führungsrolle zu übernehmen.
Im Jahr 2024 machte sich Dr. Sharon Adetutu Omotoso zum ersten Mal auf den Weg von Ibadan nach Bochum. Nun kehrte sie mit ihrer Familie für einen weiteren Forschungsaufenthalt zurück. Als Marie Jahoda Fellow 2026 forscht sie im Bereich der Media und Gender Studies.
Frau Omotoso, was gefällt Ihnen an der Ruhr-Universität?
Die Ruhr-Universität Bochum ist für mich ein wirklich freundlicher, offener Ort. Die Menschen hier haben mich so herzlich empfangen und waren so hilfsbereit. Und ihre Begeisterung für die Forschung – mir gefällt es hier sehr gut. Besonders schätze ich, dass die RUB Vielfalt und Freiheit lebt und dafür einsteht. Das merke ich jeden Tag auf dem Campus.
Inwiefern unterscheidet sich die RUB von Ihrer Heimatuniversität in Nigeria?
Auch die Universität von Ibadan ist eine sehr offene Hochschule. Sie ist die älteste in Nigeria. Und die Leitung ist sehr bemüht darum, den Campus noch barriereärmer und zugänglicher zu machen. Genau wie hier in Bochum sind wir daran gewöhnt, dass internationale Gäste auf den Campus kommen. Unsere Studierenden sind aufgeschlossen und sowohl das wissenschaftliche als auch das nicht-wissenschaftliche Personal steht einem jederzeit zur Seite, um sich zurechtzufinden.
Herzlichen Glückwunsch übrigens zum Marie Jahoda Fellowship. Wie kam der Kontakt nach Bochum zustande?
Danke! Ich habe zum ersten Mal von der Ruhr-Universität gehört, als ich Stipendiatin am Institut für Afrikastudien an der Uni Bayreuth war. Dort traf ich Henriette Gunkel von der RUB, die zeitgleich dort mit mir einen Forschungsaufenthalt absolvierte. Wir blieben in Kontakt. Nachdem ich erfolgreich das Alexander-von-Humboldt-Stipendium eingeworben hatte, wurde sie mein Host am Institut für Medienwissenschaften. Während dieses ersten Aufenthalts hier in Bochum nahm ich auch an den Aktivitäten des Marie Jahoda Centers teil, lernte das Team und ihre wundervolle Arbeit kennen. Deswegen freue ich mich so, dieses Jahr hier Fellow sein zu dürfen.
Welches konkrete Projekt verfolgen Sie hier aktuell?
Ich bewege mich ständig zwischen den Medienwissenschaften und Gender Studies. Ganz allgemein beschäftige ich mich mit dem Leben von Frauen, Frauen in Führungspositionen, Frauen in der Politik, der politischen Kommunikation von Frauen und ähnlichen Themen. Während meines Aufenthaltes hier am Marie Jahoda Center for International Gender Studies werde ich über die Dekolonialisierung in den Gender Studies sprechen. Wir wollen zeigen, dass Wissen kein monolithisches Ganzes ist, sondern plurivers.
Das müssen Sie näher erläutern.
Die Vorstellung, dass es ein universelles Wissen gibt, ist überholt, weil Wissen oft dort zu finden ist, wo man es am wenigsten erwartet. Zum Beispiel auf den Straßen Afrikas. Menschen, die keine Universität besucht haben, sind dennoch Wissensspeicher. Meine Arbeit konzentriert sich auf den Wissensbereich der Gender Studies. Die Gender Studies sind mittlerweile weltweit verbreitet und gehen über die traditionelle Frauenforschung hinaus. Es ist jedoch irreführend zu denken, dass diese Studien universell sind. Wir müssen verschiedenen Teilen der Welt zuhören und offen für neues Wissen sein. Es gibt nicht nur zwei Seiten einer Medaille, sondern möglicherweise auch eine dritte.
Einladung zum Vortrag
Einladung zum Vortrag
Und das hat Folgen für die Lehre: Wie unterrichten wir künftig Gender Studies? Was sind die wichtigsten Themen? Was bedroht die Disziplin? Und wie können wir dieses Wissen verbreiten und für sozialen Impact nutzen? Es geht nicht nur darum, Theorien im Klassenzimmer zu lehren, sondern auch um die Verbindung zur Praxis und die Zusammenarbeit mit Entscheidungsträgern.
Was erhoffen Sie sich vom Austausch hier an der RUB?
Wir beschäftigen uns weltweit in den Gender Studies mit ähnlichen Themen: Da ist der Kampf um die Anerkennung der Gender Studies als Disziplin, die institutionellen Herausforderungen, sowie die Spannung zwischen akademischer Welt und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Diese Muster sind weltweit ähnlich, aber es gibt auch Unterschiede. Zum Beispiel in der Art und Weise, wie Geschlechterstudien unterrichtet oder theoretisch vermittelt werden. Theorien, die in Bochum diskutiert werden, mögen sich von denen in Afrika unterscheiden. Und ich freue mich auf den Austausch dazu.
Wie kamen Sie zu Ihrem Forschungsbereich, den Gender Studies und Media Studies? Sie sind auch als Aktivistin tätig. Wer hat sie geprägt?
In Nigeria habe ich das älteste Frauenforschungs- und Dokumentationszentrum des Kontinents geleitet. Das Women‘s Research and Documentation Center wurde 1987 von Bolanle Awe gegründet. Wir haben das große Glück, dass unsere Matriarchin noch immer unter uns weilt – sie ist 94 Jahre alt und eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und Motivation für mich. Sie war die erste Professorin Afrikas für Oral History – und das zu einer Zeit, in der die Welt nur an die schriftliche Überlieferung glaubte. Doch sie bestand darauf, dass Wissen in unseren Worten liegt: in den Erzählungen der Ältesten, in unseren Gesprächen und unserer Verbindung zur Natur. Und so hat sie für diesen Lehrstuhl wie auch die Gründung des Frauenzentrums kämpfen müssen.
Das ist nun fast 40 Jahre her. Seitdem hat sich Vieles verändert.
Ohja, das Zentrum hat sich erweitert. Wir bieten mittlerweile Gender Studies als Graduiertenprogramm an. Wir verfügen über ein Gender-Büro, das im administrativen Bereich der Universität tätig ist. Zudem gibt es eine Frauenrechtsklinik, und wir fördern auch die Männlichkeitsforschung. Obwohl das nigerianische System die LGBTQ-Community noch immer nicht anerkennt, forschen wir auch in diesem Bereich. Es geht also längst nicht mehr nur um Frauenforschung.
Als Aktivistin setzen Sie sich auch stark dafür ein, dass Frauen Führungspositionen ergreifen. Während Ihres Aufenthaltes an der RUB, geben Sie auch einen Workshop zu Gender Leadership. Was treibt Sie an und was erwartet die Teilnehmenden?
Im Workshop befassen wir uns allgemein mit der Einbeziehung der Geschlechterperspektive in Verwaltungskontexten, darunter Gender-Analysis, Budgeting, Gender-Audits und so weiter. Wir wollen untersuchen, wie Gender-Aspekte in offizielle Dokumente, in Systeme und Führungsebenen integriert werden. Wir werden Probleme anhand von realen Fallstudien diskutieren und versuchen, diese zu lösen.
Gender Leader Workshop für Studierende
Gender Leader Workshop für Studierende
Ich sage meinen Studierenden in den Gender Studies immer, dass die wahre Prüfung da draußen auf sie wartet. Ich erwarte, dass sie Artikel schreiben und Papierkram erledigen, was gut für die akademische Welt ist, aber die echte Prüfung findet da draußen statt. Etwa, wenn jemand sie bittet, im Radio öffentlich aufzuklären. Wenn sie in Räume kommen, in denen Menschen unterdrückt werden und sie für sie sprechen müssen. Wenn sie mit Entscheidungsträgern sprechen und diese überzeugen müssen, bestimmte Dinge zum Wohl von Menschen mit Behinderungen und Benachteiligten umzusetzen.
Ihr Rat an unsere Studierenden?
Denkt frühzeitig an Führung. Das beginnt schon mit dem Engagement auf dem Campus und ehrenamtlichen Tätigkeiten. Diese Erfahrungen sind der Ausgangspunkt für Führungsqualitäten. Also konzentriere dich nicht nur aufs Lernen und Büffeln. Es geht um mehr als gute Noten!