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Jan de Graaf ist seit April 2026 Professor für Europäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

© Michael Schwettmann

Geschichtswissenschaft

Jan de Graaf erforscht die europäische Geschichte der Nachkriegszeit

Der Niederländer ist durch und durch international. Sein Steckenpferd sind die Nachkriegsjahrzehnte in Ost- und Westeuropa.

Das heutige Europa schaut oft mit nostalgischen Gefühlen auf die 1950er- bis 1970er Jahre: Nach Depression und Zweitem Weltkrieg schien es eine einzigartige Zielstrebigkeit gegeben zu haben, gerechtere, gleichberechtigtere und demokratische Gesellschaften aufzubauen. Prof. Dr. Jan de Graaf fühlt dieser Zeit auf den Zahn und besetzt seit April 2026 eine Professur für Europäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Bereits im Jahr 2019 kam der Niederländer mit dem hochdotierten Sofja-Kovalevskaja-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung nach Bochum und baute am Institut für soziale Bewegungen eine Arbeitsgruppe dazu auf, die er seit Oktober 2019 als Juniorprofessor leitete.

De Graafs Vita ist so international wie die Denomination seiner Professur. Er ist durch und durch Europäer, liest und versteht sieben Sprachen (Niederländisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Tschechisch und Polnisch). Damit kann er in Fallstudien praktisch ganz Europa in den Blick nehmen und unter anderem untersuchen, wie sich Auseinandersetzungen, Zusammenhalt und sozialer Mobilität sowohl im kommunistischen Osten als auch im kapitalistischen Westen entwickelt haben. Schon zu einem früheren Zeitpunkt, in seiner Dissertation, konnte De Graaf mit einer Untersuchung der sozialistischen Parteien in den ersten Jahren unmittelbar nach dem Krieg in Frankreich, Italien, Polen und Tschechoslowakei zeigen, dass die alte und oft angenommene Trennlinie zwischen Ost und West dabei nicht funktionierte. Diese Annahme zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeiten.

Das Goldene Zeitalter endete in Wahrheit schon in den 70-ern.

Inzwischen steht in Jan de Graafs Forschung das vermeintlich Goldene Zeitalter der Nachkriegszeit im Fokus. Verklärend wird es häufig als die Zeitspanne bezeichnet, in der sozialer Aufstieg unabhängig von der Herkunft wirklich möglich gewesen sein soll – durch Bildung, harte Arbeit und eine insgesamt gerechtere Gesellschaft. „Das Ende dieser Ära, so heißt es landläufig, sei mit Thatcher, Kohl und Reagan eingeläutet worden, dabei endete das Goldene Zeitalter in Wahrheit schon in den 70-ern“, so De Graaf.

In der Forschung will De Graaf auf der Professur nun drei Projekte anstoßen beziehungsweise weiterverfolgen:

  • Eine pan-europäische Geschichte des politischen Wiederaufbaus im Nachkriegseuropa im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Demokratie.
  • Zusammen mit einem Kollegen aus Rumänien, der in Cambridge lehrt, soll die Zeitgeschichte von Arbeitern in Ost- und Westeuropa, vom „Goldenen Zeitalter“ in der Nachkriegszeit bis zur „Zersplitterung der Arbeiterklasse“ in den letzten Jahrzehnten, wieder auf die Agenda gesetzt werden.
  • Das dritte geplante Projekt beschäftigt sich mit der Erfahrung und dem Verständnis von Zeit in der Industrialisierung und Deindustrialisierung – von der Entwicklung der „Normalarbeitszeit“ hin zu flexiblen oder prekären Arbeitszeiten.

De Graaf ist bestens international vernetzt und sucht sich für solche Projekte Kooperationsmöglichkeiten quer über den Kontinent. Besonders erpicht ist er auf fach- und grenzüberschreitende Zusammenarbeit innerhalb des internationalen Universitätskonsortiums UNIC – European University of Cities in Post-Industrial Transition. Dies ist ein Verbund von zehn Universitäten, der sich der Förderung von studentischer Mobilität, von gemeinsamer innovativer Lehre und von neuen Perspektiven in Forschung und Transfer widmet. Die Ruhr-Universität Bochum kooperiert dabei mit Partnerinstitutionen von Spanien bis Polen, von Finnland bis zur Türkei. „Die Forschung innerhalb dieses Verbunds ergibt Sinn, denn zu UNIC gehören ehemalige Industriestädte, und ich möchte auch wieder den Ost-West-Vergleich ziehen. Außerdem liegt das für europäische Forschungsanträge einfach auf der Hand“, so De Graaf.

Zur Person

Jan de Graaf wurde 1986 in Gorinchem in den Niederlanden geboren. Er studierte Geschichte an der Universität Utrecht und promovierte 2015 an der University of Portsmouth in Großbritannien. Während eines Postdoctoral Fellowships der Flämischen Forschungsgemeinschaft (Research Foundation Flanders) zwischen 2015 und 2019 führte er an der Katholischen Universität Leuven in Belgien eine vergleichende Untersuchung wilder Streiks zwischen 1945 und 1955 als europaweites Phänomen durch. Ab 2019 leitete er den Nachwuchsforschungsverbund „Europe’s Postwar Consensus: A Golden Age of Social Cohesion and Social Mobility?“, der durch den Sofja-Kovalevskaja-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung gefördert wurde.

Jan de Graaf ist seit 1. April 2026 Professor für Europäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Zuvor war er seit Oktober 2019 Juniorprofessor und er ist seit 2022 Mitglied der Young Academy of Europe.

Veröffentlicht

Montag
04. Mai 2026
11:05 Uhr

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